Der Krebs als Zarensohn

Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Sie lebten schon lange miteinander, hatten aber keine Kinder. Einmal ging die Alte in der Winterszeit nach Wasser. Als sie mit dem Eimer Wasser schöpfte, war ein Krebs im Eimer. Sie wollte ihn hinauswerfen, er aber sagte: „Wirf mich nicht fort, ich werde dein Sohn, und du wirst glücklich!“ Sie nahm ihn nach Hause mit. Der Alte sagte: „Wozu hast du einen Krebs mitgebracht?“ Da antwortete ihm die Alte: „Er hat gesagt, er wird mein Sohn! Wenn ich ihn mitnehme, werde ich glücklich!“ Da gab der Alte zur Antwort: „Wo hat man je gesehen, daß jemand einen Krebs als Sohn hat, und welches Glück hat man von einem Krebs zu erwarten?“ Da sagte der Krebs zu dem alten Mann: „Erschrick nicht, ich werde dich Vater nennen! Es wird nicht leicht sein, aber schließlich werden wir Glück haben.“
Der Krebs wärmte sich und übernachtete. Und er nannte den Alten Vater und die Alte Mutter.
„Hört zu, Vater und Mutter, was ich euch sage. Geh du, Vater, zum Zaren als Brautwerber!“
„Wie kann ich denn da hingehen? Ich bin doch schlecht angezogen und alt!“
„Laß nur, Vater, sei nicht traurig darüber, dafür werde ich einstehen.“
Der Alte nahm seinen Stock und ging zum Zaren. Er kam zum Zarenpalast, und dort standen Soldaten auf Wacht. „Wohin willst du, Alter?“
„Na ja, ich gehe zum Zaren als Brautwerber für meinen Sohn.“
Sie brachten ihn unter Bewachung zum Zaren. Der Zar fragte ihn: „Was willst du, Alterchen?“
„Eure Zarenmajestät, Euer Gnaden, ich will um Eure Zarentochter für meinen Sohn freien.“
„Ich bin dir dafür sehr dankbar, Alterchen. Aber was soll ich dir darauf antworten? Wenn dir meine Tochter gefällt, wirst du ihr Schwiegervater, und dein Sohn wird mein Schwiegersohn. Baue jetzt von meinem Hause bis zu deinem Hause eine schöne Brücke. Sie soll ganz und gar aus Gold und Silber sein. Wenn du dies nicht in einer bestimmten Zeit schaffst, erwarten dich das Beil auf dem Schafott und ein weißes Totenhemd!“
Der Alte ging traurig davon.
Sowie er zu Hause angekommen war, schimpfte er seine Alte aus: „Warum hast du uns das Un-glück ins Haus gebracht? Mir sind das Beil auf dem Schafott und ein weißes Totenhemd ange-droht worden, wenn es mir nicht gelingt, etwas zu bauen, was ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe.“
Das hörte der Krebs. „Erzähl mir, was dich bedrückt, Vater!“
„Was soll ich bloß machen? Ich soll von unse-rem Hause bis zum Zarenhaus in einer bestimmten Zeit eine schöne Brücke bauen, mit goldenen und silbernen Bohlen und mit goldenen und silbernen Pfeilern. Aber ich weiß noch nicht einmal, ob die Frist lang oder kurz ist.“
Der Krebs antwortete: „Vater und Mutter! Legt euch schlafen! Guter Rat kommt über Nacht. Gott wird alles geben.“
Sie schliefen fest ein, und niemand hörte etwas. In der Nacht trat der Krebs auf den Hof hinaus. Unter Gottes freiem Himmel warf er seinen Panzer ab, erglänzte wie der junge Mond und rief mit lauter Stimme: „He, ihr Fische und Krebse, kommt alle her zu mir! Ich will euch einen Auftrag ertei-len.“
Sie erschienen alle bei ihm, zu Pferde und zu Fuß.
„Hört zu, Brüder, was ich euch sage: Bis morgen früh ist eine Brücke von meinem Hof bis zum Zarenhof zu bauen, eine schöne Brücke aus Gold und Silber, sie soll dem Zaren gefallen, wenn er auf ihr spazieren geht!“
„Wir werden uns Mühe geben, lieber Herr!“
Als der Zar am Morgen aufwachte, erleuchtete das vollbrachte Werk das halbe Zarenreich. Da dachte der Zar: Mit wem habe ich mich da einge-lassen? Oder wer hat sich mit mir eingelassen? Er war doch ein alter Mann in ganz abgerissener Kleidung. Aber über das, was er da so schnell vollbracht hat, muß selbst ein Zar staunen.
Als der Alte und seine Frau am Morgen aufwachten, fragten sie: „Wie kann denn der Zar in unser Haus kommen? Unser Haus ist doch so ein Dreckstall.“
Da antwortete der Krebs wieder: „Vater, geh zum Zaren als Brautwerber!“
Der Alte nahm seinen Stock und ging. Er ging jetzt ohne Sorgen und lachte, denn es war schön, über die Brücke zu gehen. Er kam zum Haus des Zaren, und dort fragten ihn die Posten: „Wo willst du hin, Alter?“
Sie fragten ihn ganz ernst. Er gab auch ganz ernst zur Antwort: „Ich gehe zum Zaren, ich bin der Schwiegervater der Zarentochter.“
Da wunderten sie sich über die alten Lumpen, die er trug. Als der Alte in den Palast eingetreten war, sagte er: „Seid gegrüßt, Eure Zarenmaje-stät!“
Der Zar antwortete: „Sei gegrüßt, Schwiegerva-ter, sei willkommen in meinem Zimmer!“ Er befahl seinen Dienern, einen Stuhl neben den seinen zu stellen (so, wie wir beide jetzt hier zusammensit-zen).
„Nun, Schwiegervater, da wollen wir uns mal unterhalten. Es soll also Hochzeit gemacht werden? Daß du dich auch gut darauf vorbereitest! Auf der Brücke sollen an jedem Pfeiler Fässer mit verschiedenen Getränken stehen, und wer will, der soll davon trinken können, und an jedem Pfeiler soll ein Apfelbaum stehen mit wunderschönen Zweigen aus Gold und Silber, und an ihm sollen goldene und silberne Äpfel und andere Früchte hängen, so daß man den Wein trinken und ein Äp-felchen dazu essen kann. Jetzt geh nach Hause zu deinem Sohn und laß das so machen! Sonst erwarten dich das Beil auf dem Schafott und ein weißes Totenhemd!“
Der Alte wurde wieder traurig und ging. Als er nach Hause kam, schimpfte er seine Alte aus: „Warum hast du uns das Unglück ins Haus gebracht?“ Der Krebs hörte diese Worte. „Ach“, sagte er, „Vater und Mutter, wovon sprecht ihr, wor-um sorgt ihr euch?“
„Wie sollten wir uns denn nicht sorgen? Wo sollen wir das herbekommen?“
„Vater und Mutter! Legt euch schlafen! Guter Rat kommt über Nacht. Gott wird alles geben.“
Gott ließ Nacht werden, und sie schliefen fest ein. Der Krebs trat auf den Hof hinaus unter Gottes freien Himmel, warf seinen Panzer auf die Erde und erglänzte wie der junge Mond.
Er rief mit lauter Stimme: „He, ihr Fische und Krebse! Kommt alle her zu mir!“
Nun, sie kamen alle, zu Pferd und zu Fuß!
„Was befehlt Ihr, Herr?“
„Hört zu, was ich euch sage: Bereitet meine Hochzeit vor! Schmückt die Brücke, stellt goldene und silberne Apfelbäume an den Pfeilern auf, laßt an diesen Apfelbäumen goldene und silberne Zweige und goldene und silberne Äpfel wachsen, stellt goldene und silberne Fässer mit verschiedenen Getränken, goldene und silberne Becher, goldene und silberne Schüsseln auf, damit die Leute, die vorbeigehen oder vorbeifahren, etwas zu trinken und zu essen haben!“
„Wir wollen es gern tun, lieber Herr! Das erledigen wir schon.“
Am Morgen stand alles da. Der Zar trat hinaus und dachte lange nach. Er griff sich an den Kopf und dachte: Wie das nur so schnell geschieht? Es hat doch niemand etwas von der Arbeit bemerkt! Und wie genau meine Befehle befolgt wurden! – Am Morgen sagte der Krebs zu seinen Eltern: „Also, Vater und Mutter! Vater soll noch einmal zum Zaren gehen als Brautwerber. Öfter braucht er dann nicht mehr zu gehen.“
Der Alte nahm seinen Stock und ging. Er war froh und ging und ging, und auf der Brücke probierte er den Wein. Als er zum Palast kam, fragten ihn die Posten: „Wohin willst du, Alter?“
„Ja“, sagte er, „ich gehe zum Zaren, ich bin der Schwiegervater der Zarentochter.“
Sie brachten ihn unter Bewachung in das Zimmer des Zaren.
„Seid gegrüßt, Eure Zarenmajestät! Ich grüße Euch auf einfache Art, auf Bauernart!“
„Sei gegrüßt, Schwiegervater! Sei willkommen in meinem Zimmer!“
Er befahl den Dienern, einen Stuhl neben den seinen zu stellen. Dann sagte er zu dem Alten: „Dein Sohn soll mit seinem Hochzeitszug hierherkommen. Hier werden wir dann die Hochzeit fei-ern. Er soll als einziger im Gefolge zu Pferde kommen, damit ich gleich erkennen kann, wer mein Schwiegersohn ist.“
Als der Alte nach Hause kam, sagte er zu sei-nem Sohn: „Mache dich bereit, morgen mit deinem Hochzeitszug zum Zaren zu kommen, und reite als einziger in deinem Gefolge, damit du gleich zu erkennen bist!“
„Legt euch schlafen! Guter Rat kommt über Nacht. Die Sache wird erledigt.“
Sie legten sich schlafen und hörten nichts in der Nacht. Der Krebs aber trat auf den Hof hinaus und rief mit lauter Stimme: „He, ihr Fische und Krebse, kommt alle mit mir zur Hochzeit! Ich möchte von einem Regiment Soldaten in schönen Unifor-men mit Marschmusik begleitet werden und für mich ein schön geschmücktes Pferd haben!“
„Das wollen wir gern tun, lieber Herr! Wir werden alles erledigen!“ Sie versammelten sich und schmückten alles. Den beiden Alten blieb der Verstand stehen – sie freuten sich nicht und er-schraken auch nicht. „Was soll das hier werden?“
Am Morgen machte sich der Zug auf den Weg. Als sie angekommen waren, sangen sie dem Zaren zu Ehren im Chor. Der Zar, der am Fenster stand, erkannte seinen Schwiegersohn. Er befahl seinen Dienern: „Geht, und hebt den Reiter vom Pferd!“
Die Diener hoben den Krebs ehrfurchtsvoll vom Pferd und brachten ihn auf den Schultern ins Zimmer des Zaren und setzten ihn auf einen Stuhl neben die älteste Tochter. Sie feierten zwölf Tage lang. Es war ein offenes Fest für die ganze Stadt. Die Ehe wurde nach dem Gesetz geschlossen. Dann fuhren alle wieder fort, der ganze Hochzeitszug. Nur der Schwiegersohn blieb zurück, ein Krebs, er war immer noch ein Krebs. Und er blieb beim Zaren wohnen.
Der Zar hatte noch zwei Töchter. Sie hatten sich hübsche und gutgekleidete kluge Männer ausgesucht. Sie begannen ihre älteste Schwester zu beschimpfen: „Unsere Männer sind hübsch, aber du, unsere älteste Schwester, wen hast du geheiratet?“
Sie aber sagte zu ihnen: „Ja, das Volk sieht ihn nur als Krebs, aber wenn ich nachts mit ihm im Bett liege, dann ist er kein Krebs, wenn er seinen Panzer abnimmt, erleuchtet er das ganze Zim-mer.“
Da berieten sie miteinander: „Wir werden ver-suchen, den Panzer zu verbrennen.“
Als ihre Schwester und der Krebs eingeschlafen waren, stahlen sie den Panzer und verbrannten ihn im Ofen in der Wäscherei. Bekanntlich brennt ja dort Tag und Nacht das Feuer. Der Krebs roch es im Schlaf und fragte: „Was ist das für ein Ge-stank?“ Seine Frau antwortete: „Bei uns in der Stadt werden die Hammel und Schweine nicht am Tage geschlachtet, sondern in der Nacht, und da-her kommt dieser Gestank.“
Er griff nach seinem Panzer, aber der war weg!
„Nun, was ist das, liebe Frau?“ sagte er, „da bist du einem dummen Rat gefolgt! Wer jetzt zu mir gelangen will, muß drei Paar eiserne Stiefel schieftreten, drei eiserne Wanderstöcke ablaufen und dabei drei eiserne Weihbrote essen!“
Als er am Tage auf den Hof hinaustrat, sahen alle, daß er ein sehr hübscher Bursche war.
Er sagte:
„He, du grauer Brausewind,
schneller Springer, Frühjahrskind,
komme her zu mir geschwind.
Dientest meinem Vater du,
diene mir auch immerzu!“
Ein Pferd eilte zu ihm, und die Erde erzitterte. Es ließ sich vor ihm auf die Knie herab. Er packte es an der Mähne und setzte sich auf seinen Rücken. Dann sagte er: „Lebt alle wohl!“ und erhob sich in die Lüfte. An den wandernden Wolken vorbei jag-te er dahin, seine Frau blieb zurück.
Sie mußte allein weiterleben, und es ging ihr schlecht ohne ihren Mann, denn alle begannen sie zu kränken. Sie beschwor ihren Vater, ihr die drei Paar eisernen Stiefel, die drei eisernen Stöcke und die drei eisernen Weihbrote zu beschaffen.
Der Vater ließ ihr die Sachen herstellen, und sie bat ihn um seinen Segen: „Segnet mich, Vater und Mutter, ich will fort! Mir geht es schlecht.“
Sie segneten sie, und sie ging ihren Mann su-chen. Sie ging in die Richtung, wo sie ihn hatte davoneilen sehen.
So ging sie nun dahin, und der Weg war lang und beschwerlich. Ein Paar Stiefel hatte sie schon durchgelaufen, ein Stock war schon entzwei, und ein eisernes Weihbrot hatte sie schon gegessen, wie es ihr Mann ihr gesagt hatte. Da stand am Wege ein Haus. Dunkle Nacht umgab sie. Am Tor stand eine Edelfrau. „Sei gegrüßt, Wanderin! Du bist doch unseres Bruders Frau? Es ist schwer, zu ihm zu kommen. Nun, sei willkommen und übernachte hier!“
Die Wanderin verneigte sich tief und ging ins Haus, um dort zu übernachten. Am Morgen stand sie früh auf und dankte beim Fortgehen. Die Edelfrau gab ihr ein Tuch. „Hier hast du ein Tuch als Geschenk von der großen Schwester.“
Dieses Tuch war sehr schön, es leuchtete in al-len Farben und war mit goldenen und silbernen Verzierungen besetzt. Sie umarmte das Tuch wie ihren Mann. Dann bedankte sie sich und machte sich auf den Weg.
Sie ging und ging immer weiter, wie schnell er-zählt sich das, aber wie mühevoll war es doch. Sie lief das zweite Paar Stiefel ab, nutzte den zweiten Stock ab und aß auch das zweite Brot, wie es ihr Mann ihr gesagt hatte. Da stand an ihrem Wege ein Haus, das war noch schöner als das andere. Dunkle Nacht umgab sie schon. Am Tor stand wieder eine Edelfrau, die der ersten ähnlich sah. „Sei gegrüßt!“ sagte sie. „Bist du nicht unseres Bruders Frau und unsere Schwägerin? Es wird dir schwerfallen, zu ihm zu kommen. Du hast aber schon genug gelitten! Sei willkommen, übernach-te bei uns und ruhe dich aus!“
Sie richtete ihr ein Zimmer in ihrem Hause her, gab ihr zu essen und ließ sie ausruhen. Am anderen Morgen stand die Wanderin auf und bedankte sich mit den Worten: „Ich danke Euch für das Nachtlager und für die Bewirtung! Verzeiht mir!“
Die Edelfrau aber sagte: „Da hast du ein Ge-schenk von mir, meine Beste!“
Sie schenkte ihr eine sehr schöne Haarbürste. Die war ganz bunt und mit lauter Gold und Silber verziert. Die Wanderin nahm das Geschenk ent-gegen und ging.
Lange Zeit mußte sie sich abmühen. Sie zog das dritte Paar Stiefel an, nahm den dritten Stock zur Hand und begann das dritte Weihbrot zu es-sen. Lange Zeit litt sie auf ihrem Wege und ruhte sich selten aus. Wie schnell läßt sich das erzählen, aber wie mühevoll war das doch. Sie trat das drit-te Paar Stiefel schief, zerschlug den dritten Stock und aß auch das dritte Brot. Da stand am Wege wieder ein Haus. Als sie zu dem Haus kam, war ringsum schon dunkle Nacht. Am Tor dieses Hau-ses stand eine Edelfrau. Sie erkannte die Wande-rin. „Sei gegrüßt!“ sagte sie, „du hübsche Zaren-tochter. Lange hast du schon gelitten, meine Beste! Morgen ist dein Leid zu Ende! Sei willkom-men, übernachte hier, liebe Schwägerin, Frau unseres Bruders!“
Sie führte sie in ihr Zimmer, gab ihr zu essen und wünschte ihr gute Erholung. Am anderen Morgen stand das Mädchen auf und wollte weitereilen. Die Frau gab ihr als Geschenk Werg, ein Spinnrad und eine Spindel. „Da hast du etwas“, sagte sie, „geh in die Stadt und setz dich auf den Basar, breite das Tuch aus, das du von der ältesten Schwester geschenkt bekommen hast, lege die Bürste auf das Tuch und spinne Werg. Dann wird eine Edelfrau mit ihren Dienern kommen. Die Sachen werden ihr sehr gefallen. Sie wird sie kau-fen wollen. Sie wird dir erst hundert Rubel bieten, willige nicht ein. Dann wird sie tausend geben wollen, sei nicht einverstanden, nimm nichts. Stell nur die eine Bedingung: daß du mit ihrem Mann für jede Sache eine Nacht schlafen willst. Sie wird dir alle drei Sachen abnehmen. Aber laß dich auf nichts anderes ein!“
Die Wanderin bedankte sich und zog weiter.
Sie kam in die Stadt und stellte sich mitten auf dem Basar auf. Es war ein schöner Tag, sie legte ihre Sachen aus, breitete das Tuch aus, legte die Bürste auf das Tuch, beschäftigte sich mit ihrer Arbeit und spann Werg. Um die Mittagsstunde ging eine Edelfrau mit ihren Dienern auf dem Ba-sar spazieren. Sie kam zu ihr und sagte: „Sei ge-grüßt! Verkaufst du mir diese Sachen, meine Beste?“
Sie aber fragte als Antwort: „Was wünscht Ihr?“
„Mir gefällt dieses Tuch dort (das Tuch, das das Mädchen vorher geschenkt bekommen hatte). Was willst du dafür haben?“
Sie antwortete: „Ich will nichts!“
„Wieso, gibst du es umsonst?“
„Nein, umsonst gebe ich es nicht! Ich will dafür mit Eurem Mann eine Nacht schlafen!“
„Ach, was bist du für eine Gewissenlose! Was hast du davon, mit meinem Mann zu schlafen? Ich gebe dir doch Hunderte von Rubeln dafür, das nützt dir mehr!“
Sie gab zur Antwort: „Ich aber will nichts anderes!“
Die Frau ging fort von ihr, lief umher und dachte: Ich kann mir doch die Sachen nicht entgehen lassen!
„Nun, dann geh mit ihm schlafen, wenn du kein Geld willst, du Törin!“
Sie nahm das Tuch und ging. „Folge mir!“
Als sie nach Hause kam, brachte die Frau das Mädchen in ein solch abgelegenes Zimmer, daß es die Stimme des Mannes nicht hören konnte. Wie ihr Mann von der Jagd kam, ließ sie ihn von den Dienern vom Pferd heben und bewirtete ihn mit verschiedenen Getränken, die betrunken machen. Als er betrunken war, legte sie ihn ins Schlafzim-mer. Er war besinnungslos, und sie gestattete dem Mädchen, sich zusammen mit ihm hinzule-gen.
Sie legte sich zu ihm und begann mit ihm zu sprechen: „Ich habe alle deine Befehle ausgeführt. Ich habe drei eiserne Stiefel schief getre-ten, ich habe drei eiserne Stöcke abgenutzt und habe drei eiserne Weihbrote gegessen.“ Sie er-zählte, wie sie gelitten hatte. „Ich bin zu dir ge-langt, und nun liege ich hier mit dir, aber du sagst kein Wort.“
Sie neckte ihn, rüttelte ihn und kniff ihn. Er aber schlief, und sie bekam keine Antwort von ihm. Ob er das merkte oder nicht, ist nicht bekannt. Am Morgen stand sie auf, bedankte sich und ging fort.
Die Edelfrau lachte über sie und nannte sie eine Törin: „Was für eine Törin bist du! Was hast du nun von ihm bekommen? Ich aber hätte dir viel Geld gegeben!“
Da antwortete sie der Edelfrau: „Ich will kein Geld!“ und begab sich wieder auf ihren Platz.
Sie legte die Bürste hin, das Tuch war ja nicht mehr da, und spann Werg. Der Mann begab sich auf die Jagd und sagte: „Habe ich das geträumt, oder ist das wirklich mit mir geschehen? Mir war, als hätte ich die Stimme meiner früheren Gattin gehört. Ich habe die Stimme gehört und an mei-nem Körper die Kniffe gespürt. Ich werde mich beeilen, schnell von der Jagd zurückzukommen.“
Die Edelfrau ging wieder in der Stadt mit ihren Dienern spazieren. Da kam sie zu der Marktfrau. „Verkauf mir dieses Stück, meine Beste!“ sagte sie und zeigte auf die Bürste.
„Kaufe es!“
„Was nimmst du dafür?“
„Ich will nichts dafür. Ich will mit Eurem Mann schlafen!“
Sie nannte sie wieder eine Törin. „Was hast du nur für ein Gewissen“, sagte sie, „daß du mit mei-nem Mann schlafen willst?“
„Laß nur!“
„Ich hätte dir aber viel Geld gegeben!“
Dann stimmte sie schnell zu und gestattete dem Mädchen, noch eine Nacht bei ihrem Mann zu schlafen. Alles verlief wieder in der gleichen Weise. Er kam von der Jagd, sie ließ ihn von den Die-nern vom Pferd heben und bewirtete ihn. Er war aber noch nie so gut bewirtet worden, und so dachte er bei sich: Das ist mir noch nie passiert, daß ich so gut bewirtet worden bin. Er war deshalb vorsichtig, stellte sich bald wieder so, als ob er betrunken wäre und während der Unterhaltung fest einschliefe. Nun nahmen sie ihn und legten ihn im Zimmer aufs Bett. Dann sagte die Frau zu dem Mädchen: „Geh mit meinem Mann schlafen!“ Sie legte sich mit ihm hin. Sie wartete, bis alle eingeschlafen waren, und während alle schliefen, versuchte sie ihn zu wecken. Sie sagte wieder ihren Spruch auf und erzählte von ihren Mühen: „Ich schlafe schon die zweite Nacht bei dir, aber ich höre nichts von dir!“
Er verstand alles, gab aber keine Antwort. Als die Nacht vorbei war und es Morgen wurde, weckte man sie und schickte sie hinaus. Sie stand auf und bedankte sich. Die Edelfrau lachte und nannte sie eine Törin: „Zwei Nächte“, sagte sie, „hast du mit ihm geschlafen, was hast du davon gehabt?“
Das Mädchen bedankte sich, begab sich an ihren Platz auf dem Basar und spann Werg. Ihr Mann ging an ihr vorüber. Er war nicht vornehm gekleidet, er ging wieder auf die Jagd. Sie be-trachtete ihn genau, aber sie erkannte ihn nicht. Aus verschiedenen Erwägungen heraus kam er bald von der Jagd zurück. Die Edelfrau aber ging wieder mit ihren Dienern in die Stadt spazieren. Sie sehnte sich nach den übrigen Sachen und wollte sie auch haben. Sie bekam diese Sachen, das Werg und die Spindel und das Spinnrad, noch leichter, ganz schnell.
„Verkaufst du mir diese Sachen?“
Das Mädchen antwortete: „Ja, ich verkaufe sie.“
„Nun, was willst du dafür?“
Sie antwortete: „Ich will nichts. Ich will mit Eu-rem Mann schlafen.“
Da sagte die Edelfrau zu den Dienern: „Nehmt diese Sachen! Und du geh mit mir!“
Sie führte das Mädchen wieder in das Schlafzimmer, wo es zwei Nächte geschlafen hatte. Nun kam ja der Mann etwas früher von der Jagd zu-rück. Sie ließ ihn von den Dienern vom Pferd he-ben, setzte sich mit ihm an den Tisch und bewir-tete ihn mit verschiedenen Getränken. Er nahm alle Kräfte zusammen und stellte sich wieder betrunken. Wieder legte man ihn ins Bett. Als es in der Nacht still geworden war, veranlaßte der Mann das Mädchen, nach ihren Wünschen umzu-betten. Sie bettete um und begann zu sprechen. Er antwortete: „Daß du am Morgen nicht fortgehst!“
Am Morgen wollte man sie fortschicken. Man rief sie einmal: „Komm aus dem Zimmer, meine Beste!“ Sie ging nicht. Das zweite Mal nannte man sie schon gewissenlos. Sie ging wieder nicht. Das dritte Mal sagte man: „Es wird dir befohlen, he-rauszukommen!“ Doch sie gehorchte nicht. Schließlich kamen sie beide angezogen aus dem Zimmer.
Er ließ den ersten besten Hengst aus dem Pferdestall holen, die Edelfrau an den Schwanz binden und sie über das freie Feld schleifen. Die beiden aber lebten und regierten nun zusammen. Auch ich war dort vor zwei oder drei Jahren, habe aber nichts gesehen. Gute Nacht, angenehme Ruhe und einen frohen Morgen! Laßt es euch gut und einen frohen Morgen! Laßt es euch gut gehen!

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