Der gerechte Richter

Vor langer Zeit lebte einmal ein gerechter Richter. Jetzt wählt man die Richter für drei Jahre, den ge-rechten Richter aber wählte man damals für drei-ßig Jahre. In den dreißig Jahren, in denen er auf dem Richterstuhl saß, ließ er nie ungerechterwei-se Gnade walten, ließ sich von niemandem beste-chen, beleidigte und beschimpfte auch nieman-den. Es wurden immer nur so viele Schläge verabreicht, wie im Urteil standen.
Als die dreißig Jahre nun um waren, kam die Gemeindeversammlung zusammen, um zu beraten, ob man ihn in seinem Amt belassen oder durch einen anderen ersetzen sollte.
„Meine Herren Gemeindemitglieder, ich habe nichts gegen die Gemeindeversammlung, ich habe auch nichts gegen Gott. Wenn ihr wollt, daß ich weiter Richter bleibe, dann brennt mir die Augen aus!“
Die Gemeindeversammlung willigte ein, ihm die Augen auszubrennen, denn er arbeitete ja doch nicht mit den Händen, sollte er also ruhig blind dasitzen.
Und so, wie er als Sehender gerichtet hatte, so richtete er noch dreißig Jahre als Blinder.
Da trat die Gemeindeversammlung zusammen, um ihn abzusetzen.
Er aber war in eine Badestube gegangen. Er hatte sich gerade ausgezogen und ließ sich Wasser über den Kopf laufen, da fühlte er plötzlich am Fuße etwas Kaltes.
„Wer bist du?“
„Ich bin eine Unke, gerechter Richter!“
„Warum bist du gekommen?“
„Ich habe mir für den Winter ein warmes Öfchen gebaut, um überwintern zu können. Da kam plötzlich ein Aal und hat mich von meinem Öfchen weggejagt.“
„Was ist das für ein Mann, der sich selbst kein Öfchen bauen kann und deshalb ein Weib verjagt? Bringe ihn hierher! Sage ihm: ‚Komm mit zum ge-rechten Richter!’“
Zuerst wollte der Aal nicht auf die Unke hören und sagte: „Ich habe keine Angst vor dem ge-rechten Richter, und ich gehe nicht zu ihm.“
Dann aber brachte die Unke den Aal doch zum Richter. Da fühlte der Richter wieder am Bein etwas Kaltes.
„Hast du ihn mitgebracht?“
„Ja, ich habe ihn mitgebracht.“
„Aal, wie konntest du das tun? Die Unke ist ein Weib, und du bist eine so hochgestellte Persönlichkeit. Du sollst fünf Schläge bekommen.“
„Sieh mal, Unke, ich ziehe aus einem Ruten-bündel fünf Gerten heraus und verabreiche ihm fünf Schläge damit.“
„Leg dich hin, du Biest! Wie konntest du ein Weib verjagen?“
Der Aal legte sich ihm zu Füßen.
„Mich kann man nicht bereden. Weder überreden noch kaufen, denn ich bin der gerechte Rich-ter.“
Er hob seine Hand und schlug mit der Gerte zu, da konnte er die Unke und den Aal wieder sehen.
„Denke daran, du Biest, ich erlasse dir vier Schläge dafür, daß du so schnell auf das Weib, die Unke, gehört hast und mitgekommen bist. (In Wirklichkeit aber verzieh er dem Aal, weil er wie-der die Welt sehen konnte.) Denke daran, du Biest, daß man ein Weib wie die Unke nicht vom Ofen verjagt!“
Dann gingen sie wieder alle an ihre Plätze. Der gerechte Richter kam in die Gemeinde, bekreuzigte sich und hängte seine Mütze an den Nagel.
Da sagte ein Wächter zum anderen: „Unser gerechter Richter kann wieder sehen!“
Man rief die Gemeindeversammlung zusammen, um zu wählen.
„Ich habe nichts gegen Gott und auch nichts gegen die Gemeinde. Dreißig Jahre habe ich se-hend gerichtet und dreißig Jahre blind. Es ist Zeit, den alten Knochen Ruhe zu gönnen, versetzt mich in den Ruhestand!“
Er verneigte sich vor der Gemeindeversamm-lung und ging davon. Er kam zu einer Schonung und dachte bei sich: Ich werde hier übernachten, sonst denken meine Söhne und Enkel, daß der Großvater schlecht gedient habe und deshalb vor Anbruch der Nacht fortgejagt worden sei.
Er wollte schlafen, aber die Mücken summten um ihn herum und ließen ihn nicht ruhen. Er zündete ein Feuer an und legte sich auf die Seite. Da erschien der Herrgott und sagte: „Warum über-nachtet Ihr hier? Darf ich mit Euch zusammen übernachten?“
„Das darfst du nicht, denn du hast dich schuldig gemacht.“
„Wieso?“
„Die Sonne scheint für alle gleich, und wir sehen sie alle gleich, aber wir leben nicht alle gleich, denn der eine ist satt, hat Nahrung und Kleidung, der andere aber hat nichts.“
Da verließ der Herrgott den gerechten Richter und schickte den heiligen Nikolaus, den Knecht Gottes, zu ihm.
Der heilige Nikolaus erschien und fragte: „Über-nachtest du hier?“
„Ja.“
„Kann ich bei dir mit übernachten?“
„Wer bist du denn?“
„Der heilige Nikolaus.“
„Nein, das geht nicht, du hast dich schuldig gemacht.“
„Wodurch denn?“
„Der Reiche kauft eine Kerze oder gießt sie aus Wachs und stellt sie für dich in der Kirche auf. Du ziehst dann die Brauen hoch, sperrst den Mund auf, verdrehst die Augen und siehst dem Reichen, der dir die schöne Kerze geweiht hat, ins Gesicht. Wenn aber ein Armer für sein letztes Geld eine Kerze kauft und sie in der Kirche aufstellt, dann senkst du die Lider, verschließt die Augen, läßt den Mund hängen und siehst den Armen nicht an, der dir nur eine schlechte Kerze dargebracht hat. Geh wieder, mit mir zusammen darfst du nicht übernachten!“
Und er verjagte den Heiligen.
Nikolaus kam zum Herrn und sagte: „Er hat auch mir eine Schuld nachgewiesen.“
„Laß uns den Tod zu ihm schicken!“
Der Tod ging zu ihm und sagte: „Guten Tag, gerechter Richter!“
„Wer bist du denn?“
„Ich bin der Tod.“
Der Richter stand auf und verbeugte sich vor ihm, denn ihm konnte er keine Schuld nachweisen. Er nimmt kein Geld, er läßt sich nicht bere-den und nicht bestechen.
Sie übernachteten zusammen, und am Morgen erhob sich der gerechte Richter, um weiterzuge-hen. Er wusch sich vorher die Augen aus, und der Tod sah ihn an.
Der Richter betete zu Gott und ging. Da sagte der Tod: „Ich gehe mit dir!“
„Ich bitte ergebenst darum.“
So gingen sie zusammen.
„Gerechter Richter, ich werde dich vierzig Sas-hen vor deinem Hause sterben lassen.“
„Ach, lieber Herr Tod, Väterchen, du bist weder zu erweichen noch zu bestechen. Laß mich noch nach Hause, damit ich nicht ohne Beichte sterbe!“
„Geh weiter, ich werde dich aber trotzdem ster-ben lassen.“
So riefen sie einen Geistlichen zu dem Richter. Der nahm ihm die Beichte ab. Dann erschien der Tod und sagte: „Gerechter Richter, jetzt mußt du sterben!“
„Nein, gestatte mir, Herr Tod, wenigstens noch einmal durch meinen Garten zu gehen. Ich hatte im Garten Bienen und viel Obst und Gemüse, ich möchte sehen, ob sie bei meinen Söhnen genauso gedeihen wie bei mir.“
Er kam in den Garten, und da summten die Bie-nen ebenso, da blühten die Blumen ebenso, und da reiften die Früchte ebenso.
Dann starb der Richter. Der Tod nahm seine Seele aus dem Körper, und nur der Körper blieb auf dem Hof zurück.
Lange noch ging der gerechte Richter mit dem Tod durch seinen Garten und konnte sich nicht genug daran ergötzen.
„Es ist schön bei dir im Garten, gerechter Richter!“
„Alles ist gut, nun kann ich sterben!“ (Der Tod aber hatte ihn schon lange sterben lassen.)
Sie kamen zu dem Hof, und dort weinte man schon an der Leiche des Richters.
„Ach, lieber Tod, warum weinen die Leute in meinem Hause?“
„Sie weinen an deinem Körper, denn hier bei mir bist du nur noch eine Seele!“
„Und wohin soll ich, was hat Gott befohlen?“
„Gott hat befohlen, dich ins Himmelreich zu lassen.“

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