Der fliegende Kaftan

In einem Zarenreiche lebte einmal ein Förster in einem Walde. Er hatte jeden Tag seinen Rundgang zu machen. Einmal sagte er zu seiner Frau: „Frau, gib mir etwas zu essen, ich muß meinen Rundgang machen!“
Seine Frau gab ihm ein paar Plinsen, er aß sie und ging in den Wald. Plötzlich erhob sich ein Sturm, der Wind begann zu wehen, und es fiel ihm schwer weiterzugehen. So ging er nach Hause zurück, sattelte das Pferd und ritt mit dem Pferd in den Wald. Als er ein Stück geritten war, sah er, daß jemand ein paar Äste von den Bäumen abgehackt hatte. Er ritt aber weiter. Da traf er auf dem Wege eine alte Frau. Sie verneigte sich vor ihm und sagte: „Herr, könntet Ihr mir vielleicht etwas schenken?“
„Ich habe nichts mitgenommen“, antwortete der Förster.
„Vielleicht habt Ihr einen Rubel Geld?“
„Ich habe nur einen Rubel bei mir.“
„Ich weiß, daß Ihr nur einen Rubel habt, aber schenkt mir den letzten!“
Er griff in die Tasche und gab ihr den letzten Rubel.
Sie nahm ihn und sagte: „Ich danke Euch, daß Ihr mich nicht im Stich gelassen habt! Obwohl Ihr bloß einen Rubel hattet, habt Ihr ihn mir doch ge-schenkt. Wenn Ihr jetzt nach Hause kommt, dann legt einen Rubel unter Euer Kopfkissen, und Ihr werdet immer Geld haben. Jeden Morgen werdet Ihr unter dem Kissen zwei oder drei Rubel finden. Und wenn Ihr weiterreitet, werdet Ihr eine hohe Fichte sehen, auf der viele Enten sind. Sie werden sehr viel schreien und sich beißen. Um einen Kaf-tan beißen sie sich. Jede wird bemüht sein, in ihn hineinzuschlüpfen. Erschreckt sie, damit der Kaf-tan auf die Erde fällt. Sowie er heruntergefallen ist, nehmt ihn an Euch und zieht ihn an, dann könnt Ihr herumreisen, nicht nur durch Euer Zarenreich, sondern überallhin.“
Er dankte ihr und ritt weiter durch den Wald. Er sagte sich: Das war eine Alte! Wahrscheinlich hat sie mich betrogen. Den letzten Rubel hat sie mir aus der Tasche gezogen.
Als er so dahinritt, hörte er einen mächtigen Lärm. Da erblickte er auch schon einen großen Schwarm Vögel auf einer hohen Fichte. Sie bissen sich, daß die Federn flogen. Der Förster stieg vom Pferd, band das Pferd fest und dachte: Wie soll ich sie denn erschrecken? Ich werde mit der Flinte schießen.
Die Vögel erhoben sich in die Luft und rissen den Kaftan mit sich, ließen ihn aber nicht los. Er schoß noch einmal, da fiel der Kaftan herunter. Da dachte er bei sich: Die Alte hat doch die Wahrheit gesprochen!
Er nahm den Kaftan, sah ihn an und stellte fest, daß er außen noch gut war, das Futter aber schon von den Vögeln zerrissen worden war.
Was soll ich schon mit einem solchen zerrisse-nen Kaftan anfangen? dachte der Förster bei sich.
Er nahm ihn, band das Pferd los und ließ es laufen. „Geh nach Hause!“
Das Pferd lief durch den Wald und fraß Gras. Er aber zog den Kaftan an und sagte: „Wollen wir einmal sehen, ob es so ist, wie die Alte gesagt hat. Wo fliege ich jetzt hin? Natürlich nach Hause.“
Kaum hatte er es gesagt, da erhob er sich schon in die Luft. Er flog in nur zwei Minuten nach Hause, obwohl es ein Weg von acht Kilometern war, und er kam gerade auf seinem Hof herunter. Die Frau erblickte ihn durch das Fenster und kam zu ihm herausgelaufen. „Was ist denn das? Wo kommst du hergeflogen? Du bist doch in den Wald geritten? Wo warst du?“
„Ruhig, ruhig“, sagte der Förster, „jetzt wird es uns beiden gut gehen!“ Und er erzählte ihr alles.
Er konnte es kaum erwarten, daß es Abend wurde und die Sonne unterging. Nun war die Sonne untergegangen. Da ging er schlafen und legte einen Rubel unter das Kissen.
Ich werde mal sehen, dachte er bei sich, ob Geld kommt. Der Kaftan hat sich bewährt, aber wie es mit dem Geld wird, weiß ich nicht.
In der Nacht wachte er auf und sah sofort unter das Kissen, aber dort lag noch immer der gleiche Rubel. Dann schlief er fest ein. Am Morgen stellte ihm die Frau das Frühstück hin und weckte ihn. „Michas, steh auf!“
Er sprang auf und zog sich schnell an. Beim Anziehen schaute er unter das Kissen. Als er das Kissen fortgenommen hatte, sah er dort drei Ru-bel liegen. Da freute er sich sehr. „Siehst du, Frau, heute habe ich zwei Rubel verdient, und in der nächsten Nacht werde ich alle drei Rubel hinlegen.“
Dann sagte er: „Ich möchte mir ein anderes Zarenreich ansehen.“
Seine Frau war einverstanden. Am Morgen verabschiedete er sich von ihr und sagte: „Ich weiß nicht, wie lange ich fort sein werde. Ich weiß selbst noch nicht, wie lange ich dort bleibe.“
Er zog den Kaftan an und flog davon. Zwei Tage und zwei Nächte flog er. Dann kam er auf irgendeinem Berg herunter. Der Berg war sehr, sehr hoch. Da saß er nun auf dem Berge und schaute auf die Erde. Aber die Erde war kaum zu sehen, so weit war sie entfernt, und nichts war zu erkennen. Er bekam Hunger. Es war heiß, und die Son-ne brannte. Es war sehr, sehr heiß. Da wollte er gerne schlafen. Er schlief fest ein. Wie er so schlief, hörte er Schritte. Es kam jemand. Er glaubte es selbst nicht, wer konnte auf einem solchen Berg herumgehen? Da öffnete er die Augen, erblickte riesige Menschen und dachte bei sich: Was sind das für Leute? Ich habe noch nie so große Menschen gesehen.
Sie kamen nahe an ihn heran, und er schaute sie an. Es waren ihrer sechs. Sie umringten ihn und sprachen zueinander: „Was ist das für ein Tier?“
„Er ist einem Menschen ähnlich, aber aus ir-gendeinem Grunde so klein.“
Der eine stieß ihn mit dem Fuß in die Seite. Der Förster schrie.
„Siehst du, es tut ihm weh“, sagte einer von ih-nen. Da sagte der dritte: „Was soll man mit ihm machen? Man sollte mit dem Fuß auf ihn treten und ihn wie einen Wurm zertreten.“
Da sagte der vierte: „Warum wollen wir ihn zertreten? Kleine und Große, alle wollen leben.“
Da sagte der fünfte: „Gehen wir fort von ihm. Warum sollen wir ihn uns ansehen?“
Und da gingen sie wieder fort. Als sie fort waren, stand er auf und dachte: Solange ich auf der Welt bin, das habe ich noch nie gesehen. Sie waren menschenähnlich, aber wie groß sie waren!
Ich fliege woanders hin, dachte er, nahm den Kaftan, zog ihn an, erhob sich und flog fort. Er ließ sich an einem großen, schönen Fluß nieder, der breit dahinfloß, und wollte gern etwas trinken. Er ging am Fluß entlang mit dem Kaftan in der Hand. Da hörte er Lieder, die schön gesungen wurden, aber niemand war zu sehen. Rechts vom Fluß erblickte er ein Häuschen, ein hübsches Häuschen. In diesem Häuschen saß ein Mädchen am Fenster und sang die Lieder. Ihre Haare waren rot, und der Wind spielte in ihnen, so daß sie auseinanderflatterten. Das Mädchen gefiel ihm. Er dachte bei sich: Meine Frau ist schon hübsch, aber diese erst! Was ist meine Frau gegen diese dort!
Wie komme ich zu ihr hin, um mit ihr zu sprechen? Ich werde erst mal zuhören, beschloß er, und dann gehe ich hin.
So setzte er sich nieder. Er hatte noch nie solche Lieder gehört. Dann beschloß er, zu dem Haus zu gehen. Er stand auf und ging darauf zu. Als er hineintrat, stürzten sich die Hunde auf ihn. Das Mädchen erblickte ihn und rief: „Mama, Mama, schau, da kommt ein fremder Bursche!“
Die Mutter kam heraus, rief die Hunde heran und sperrte sie in die Hütte.
Er aber fragte: „Kann man bei Euch eintreten?“
„Was wünscht Ihr?“
„Ich möchte etwas Wasser trinken, vielleicht gebt Ihr mir auch etwas zu essen?“
„Wenn Ihr wollt, tretet ein!“
Er trat in das Haus, das Mädchen kam herbei-gelaufen und sagte: „Setzt Euch bei uns hin!“
Er setzte sich hin und sagte: „Ich möchte etwas Wasser trinken, liebes Mädchen!“
Sie nahm ein Glas und goß sauersüßen kalten Kwaß1 ein. Er trank davon und dachte: Wie hübsch sie ist! Am Fenster war sie schon hübsch, aber im Hause ist sie noch dreimal hübscher.
Die Mutter gab ihm etwas zu essen. Sie stellte ihm eine unbekannte Speise hin, die aber sehr gut schmeckte. Er aß sich satt und wollte vom Tisch aufstehen, da sagte die Alte: „Wartet nur, ich gebe Euch noch etwas!“
Sie reichte ihm Milch, sehr dicke Milch, und ein paar nicht sehr große Brötchen. Dann ging sie zu dem Mädchen und sagte: „Sosja, er ist so angezogen, daß man gleich sieht, daß er keiner von uns ist. Er hat einen Mantel, mit dem kann er rei-sen, wohin er will. So ist er auch zu uns gekom-men, und dich hat er liebgewonnen, mein Töchterchen. Wenn er mit dir sprechen will, dann sprich auch du mit ihm und hab ihn lieb. Und dann werden wir ihm den Mantel fortnehmen. Wir können ihn geradesogut gebrauchen. Wir haben kein Pferd und haben nichts, aber der Mantel bringt uns, wohin wir wollen.“
Die Mutter ging hinaus. Er stand vom Tisch auf, bedankte sich und bat um ein Nachtlager.
Da sagten sie zu ihm: „Aber natürlich, es ist schon spät, legt Euch schlafen!“
Er zog sich aus, und die Mutter bat ihn, die Kleidung aufzuhängen. Er war einverstanden. Sie hängte sie in einen Schrank. Den Kaftan ließ er an. „Geht in das Zimmer“, sagte die Mutter, „und schlaft!“
Das Mädchen lud ihn ein, noch etwas bei ihr zu sitzen. Er setzte sich zu ihr. Sie fragte ihn, woher er käme.
„Aus Asien“, sagte er, „und was für ein Ort ist das hier?“
„Ich weiß selbst nicht, wie er heißt. Wie seid Ihr denn aus Asien hierhergekommen?“
Da sagte er: „Ich reise durch die ganze Welt.“
„Wie reist Ihr denn?“
„Ja, weißt du, Mädchen, du hast mir gefallen. Wenn du bereit bist, zusammen mit mir zu leben, dann kannst du auch mit mir fahren, wohin du willst.“
Da sagte sie: „Es wäre schön, von hier fortzufahren! Wir kommen ja von hier nirgends hin
.“ Da sagte er zu ihr: „Wir können reisen, wohin du willst.“
Sie unterhielten sich und unterhielten sich; es war schon Nacht geworden, da sagte die Mutter: „Sosja, es ist Zeit zum Schlafen, und ihr unterhaltet euch immer noch.“
„Schlaf, Mütterchen, ich unterhalte mich gern und erfahre gern etwas Neues von einem Menschen.“
Sie versprach, wenn er sie liebte, dann wollte sie ihn auch lieben. „Wie alt bist du?“
„Ich bin achtundzwanzig.“
„Und du?“
„Ich bin erst siebzehn.“
„Je jünger, desto besser.“
„Ich glaube dir nicht, daß du achtundzwanzig bist. Du wirst wohl erst zwanzig sein.“
Da kam ein großer Regen, und es begann zu donnern, daß es ringsherum bebte. Sie konnten gar nicht mehr reden, da sie Angst vor dem Don-ner hatten. Da sagte sie: „Gehen wir jetzt schla-fen!“
Sie breitete die Betten aus. Er zog sich aus und legte sich hin. Sie ging nachschauen, ob die Mutter schläft, trat in das andere Zimmer und fragte: „Mutter, schläfst du?“
Da antwortete die Mutter: „Warum legst du dich nicht mit ihm schlafen?“
„Warum denn? Er ist doch gar nicht hübsch.“
Sie ging in das Zimmer, löschte das Licht und legte sich bei ihm schlafen. Als sie sich bei ihm niederlegte, sah sie, daß er schon schlief. Sie schlief ein wenig bei ihm, doch als sie sah, daß er aufwachte, stand sie auf und ging zu ihrer Mutter.
Da fragte er sie: „Warum legt Ihr Euch nicht hin?“
„Ich habe schon geschlafen. Es wird bald Tag, Ihr habt so fest geschlafen, daß Ihr gar nicht gemerkt habt, daß ich bei Euch geschlafen habe.“
Die Mutter stand auf und begann das Frühstück zurechtzumachen. Das Mädchen zog sich ein schönes Kleid an. Er sagte: „Ist es denn schon Tag?“
„Natürlich!“
Er stand auf, zog sich an und machte alles zu-recht. „Nun, wie ist es, seid Ihr bereit, mit mir zu leben?“
„Natürlich. Nur möchte ich heute mit Euch fortfahren, wie Ihr es gesagt habt.“
„Um so besser. Ich bin bereit, fahren wir!“
Da sagte die Mutter: „Wollt ihr frühstücken?“
„Nein, Mutter, wir reisen fort.“
„Frühstückt und fahrt dann!“
Sie brachte alles auf den Tisch, Milch, Gurken und Zwiebeln, alles, was sie wollten.
Als sie vom Tisch aufstanden, da sagte die Mutter: „Aber daß ihr nicht zu lange bleibt, Sosja!“
„Wir bleiben so lange, wie es dauert.“
Sie nahmen eine Tasche mit Brot und Wasser mit. Sie verabschiedeten sich und zogen beide den Kaftan an, da fragte er: „Wohin willst du?“
„Ich will auf den Berg Seron!“
Sie erhoben sich und flogen davon. Die Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie nur drei Tage bleiben sollten, sie kamen aber erst nach drei Tagen auf dem Berge an. Sie ließen sich hinab. Auf dem Berge gab es Edelsteine und lauter Gold. Die Son-ne brannte, aber die Luft war schön, ein Wind wehte, nur sehr heiß war es.
Da sagte sie zu ihm: „Hier wollte ich gerade hin!“
„Und was willst du tun?“
„Wir werden Gold und Edelsteine mitnehmen.“
Natürlich faßten sie sich bei den Händen, wie Mann und Frau, und gingen Gold suchen. Sie sammelten ein Säckchen von ungefähr acht Kilo-gramm voll Gold und Edelsteine. „Das reicht für das ganze Leben. Laß uns nun ausruhen und dann in unser Land zurückfahren!“
Sie setzten sich auf einen großen Stein, der mit Moos bewachsen war. Doch oben war er so klar, daß sie sich darin erblickten. Da sprach er: „Laß uns Mittag essen und dann losfliegen!“
Als sie gegessen hatten, sagte er: „Weißt du, Sosja, ich möchte gern schlafen.“
„Schlaf ein wenig!“
Er legte seinen Kopf auf ihren Schoß. Das Wetter war schön. Es wehte ein warmer Wind, und die Sonne erwärmte den Berg so, daß schon Funken sprühten. Sie zog einen Kamm aus den Haaren und begann ihm die Haare zu kämmen. Er spürte es, spürte es und schlief auf ihrem Schoße ein. Als sie sah, daß er schlief, sagte sie: „Ein bißchen tust du mir ja leid, aber ich werde auf die Mutter hören.“
Sie stand auf – er schlief noch immer –, nahm das Säckchen, hing es sich um, verpackte alles, zog den Kaftan an und flog nach Hause. Bald war sie wieder zu Hause.
Die Mutter kam ihr entgegen. „Nun, hast du ihn dortgelassen?“
„Natürlich habe ich ihn dortgelassen. Aber viel Gold habe ich mitgebracht, Mutter!“
„Was sollen wir denn damit machen?“
„Wir können nun alles kaufen, was wir wollen.“
Als der Förster auf dem Berge aufwachte, sah er, daß Sosja nicht mehr da war, daß sie wegge-flogen war. „Ach mein Gott, mein Gott, wie bin ich unglücklich! Was soll ich tun? Ich komme doch hier um!“
Er fing an zu weinen. Da erhob sich ein Wind und wurde zum Sturm. Er sprach: „Das ist ein Wind! Solch einen habe ich noch nie erlebt.“
Es hob ihn und ließ ihn wieder hinunter, hob ihn und ließ ihn wieder hinunter. Er hielt sich und hielt sich fest, aber als dann der Wind noch stärker blies, wurde er vom Berg hinuntergetragen. Er flog und flog und konnte kaum atmen. Schließlich fiel er in einem Gemüsegarten nieder. Beim Hi-nunterfallen sah er, daß dort rote Bete und Kohl wuchsen. Nur, solchen Kohl hatte er noch nie gesehen. Er war weiß und rot.
Er versuchte, den Weißkohl zu essen und dann den Rotkohl. Als er den Rotkohl gegessen hatte, wurde er zu einem Pferd. Ihm wurde klar, warum er zu einem Pferd geworden war, und da begann er schnell Weißkohl zu essen. Nachdem er davon gegessen hatte, wurde er wieder so, wie er gewesen war. Da sagte er zu sich selbst: Na, jetzt werde ich gleich jemanden überlisten!
So ging er fort, ging seines Weges. Der Weg führte in einen dichten, dunklen Wald.
Man soll doch niemals lieben! Hätte ich mich nicht verliebt, hätte ich mein ganzes Leben lang gut leben können und wäre durch die ganze Welt gereist. Jetzt aber kann ich hier umkommen, dachte er.
Jener Wald ging zu Ende, und ein Flüßchen war zu sehen. Ihm schien es, als hätte er dieses Flüßchen schon irgendwo gesehen. Da erinnerte er sich, daß es gerade der Fluß war, wo er beim ersten Flug heruntergekommen war. Er ging noch einen halben Kilometer und sah ein Haus stehen. Es war gerade das Häuschen, wo Sosja wohnte. Er hörte auch die gleichen schönen Lieder. Sie saß am Fenster und sang Lieder. Da sagte er sich: „Na, dir werde ich es zeigen!“
Äußerlich hatte er sich ganz verändert. Sechs Monate war er unterwegs gewesen. Sein Bart war ganz dicht und lang. So ging er zu dem Hause und klopfte. Da fragte Sosja: „Wer ist dort?“
„Darf man bei Euch eintreten?“
„Tritt ein!“
„Gebt Ihr mir etwas zu essen?“
„Mutter ist nicht im Hause.“
Sie rief ihre Mutter. „Da will jemand etwas zu essen haben!“
„Da müssen wir ihm etwas geben, wenn er darum bittet.“
Als er in das Haus eintrat, ließ er den Rotkohl im Flur liegen. Die Mutter brachte ihm das Essen, goß ihm noch Milch ein und ging in den Flur. Da sah sie den Kohl liegen. Sie nahm ihn, kostete ihn und wurde zu einem Pferd. Sie lief hinaus auf die Straße und um das Haus herum. Das sah die Tochter und sagte: „Wartet, da ist ein Pferd, da muß jemand gekommen sein!“
Sie lief auf die Straße und sah den Kohl liegen. Sie kostete auch und wurde sogleich zu einem Pferd. Als der Förster sah, daß nun zwei Pferde da waren, ging er hinaus und schirrte beide an.
Er schirrte sie an, band sie an einen Pfahl und dachte: Jetzt will ich gleich den Kaftan suchen.
Er sah den Schrank, öffnete ihn und fand seinen Kaftan. Dann zog er ihn an, trat hinaus, setzte sich auf das ältere Pferd und band das jüngere fest. Er ritt den Weg entlang, bis er zu einem Haus kam. Da trat er in die Wohnung ein und fragte den Hausherrn: „Willst du vielleicht ein Pferd kaufen?“
„Ja, ein Pferd möchte ich kaufen.“
Der Hausherr kam heraus, schaute sich das Pferd an und fragte: „Wie alt ist das große?“
„Acht Jahre!“
„Und das kleine?“
„Drei Jahre.“
Sie einigten sich auf zweihundert Rubel für das ältere.
„Liebt es die Peitsche?“
„Ja, natürlich, wo du auch reitest, schlag es nur kräftig!“
„So eines kann ich gebrauchen, denn die Erde ist bei uns steinig.“
Der Förster verkaufte das Pferd, dem jungen aber gab er Weißkohl zu essen, und da wurde es wieder das, was es gewesen war. Er sagte zu dem Mädchen: „Was hast du angerichtet?“
Da antwortete sie: „Ich kenne Euch nicht.“
„Wieso kennt Ihr mich nicht? Erinnert Ihr Euch nicht, wie Ihr mich auf dem Berge verlassen habt und mit dem Gold davongeflogen seid?“
„Ich habe jemanden auf dem Berg verlassen, nur nicht Euch.“
„Erkennt Ihr mich nicht?“
„Das war ein junger Bursche. Ihr aber seid alt.“
„Es tut mir leid, daß ich jung bin und Ihr jung seid und am Leben bleibt, während Eure Mutter nicht mehr da ist. Ich fahre jetzt gleich nach Hau-se in mein Zarenreich. Wenn zu Hause alle am Leben sind, dann komme ich in kurzer Zeit zu Euch zurück.“ Er verabschiedete sich von ihr und gab ihr die Hand. „Aber wenn meine Angehörigen nicht mehr da sind, komme ich nicht zu Euch zurück. Wartet nicht! Wenn Ihr mit mir leben wollt, werde ich zurückkommen.“
„Wenn Ihr der seid, den ich auf dem Berge verlassen habe, dann bin ich einverstanden.“
Er rasierte sich, wusch sich und wurde wieder jung. Da erkannte sie ihn. Als er nach Hause kam, war seine Frau schon gestorben. Viele Menschen versammelten sich und kamen ihm entgegen, junge und alte. Er erzählte ihnen alles und sagte auch, daß er von ihnen fortfahren wolle. Dann flog er wieder zu dieser Sosja. Sie lebten nun zusammen und reisten durch die Welt.

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