Der betrunkene Löwe

Einmal ging ein Mann in den Wald, um Holz zu holen.
Da traf er einen Löwen.
„Wer bist du?“ fragte der Löwe.
„Wer bist du denn?“ fragte der Mann. „Du siehst von vorn wie ein Teufel aus und von hinten auch.“
„Schlag mir mit dem Beil auf die Stirn!“
Der Mann gehorchte, und der Löwe sagte: „Komm in einem Jahr wieder hierher!“
„Gut!“ sagte er und ging weiter.
Als das Jahr vorüber war und der Mann hinkam, lag der Löwe da und sagte: „Nun, sieh dir meine Stirn an!“
„Was ist denn da?“
„Eine Schramme“, sagte der Löwe, „die Wunde ist zwar verheilt, aber die Worte, die du zu mir gesagt hast, sind nicht vergessen. Die verzeihe ich dir niemals!“
„Ach ja“, sagte der Mann, „ich hatte damals ei-nen Rausch und wußte nicht, was ich sagte.“
„Was ist denn ein Rausch? Zeig ihn mir einmal!“
Da ging der Mann und kaufte einige Garnetz Met und Branntwein, goß sie in einen Eimer und brachte ihn dem Löwen.
„Nun kannst du dich betrinken!“ sagte er.
Da stand der Löwe auf und leckte einmal. „Ohne Scherz, das schmeckt aber!“ Nachdem er dreimal geleckt hatte, trank er alles auf einmal aus und sagte: „Komm morgen wieder hierher!“ Dann wälzte er sich auf der Erde.
Da nahm der Mann ein Messer, schabte ihm das Fell von den Füßen bis zum Knie ab und ging weg.
Als er am nächsten Tage hinkam, war der Löwe wieder nüchtern und sagte zu ihm: „Es ist wirklich so, daß man im Rausch nicht weiß, was man tut. Als ich von dem Branntwein gekostet hatte und über Steine und Wurzeln gelaufen bin, habe ich mir die Füße abgewetzt. Sieh nur! Deshalb gehe ich jetzt in ein Land, wo man keinen Rausch bekommt!“
Er lief davon, und seit jener Zeit gibt es in un-seren Gegenden keine Löwen mehr.

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