Der arme Mann und seine Söhne

Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei Söhne. Der älteste hieß Petro, der mittlere Hawrylo und der jüngste Iwan.
Als die Jungen herangewachsen waren, wandte sich der Vater mit folgenden Worten an sie:
„Liebe Kinder, ich bin ein alter Mann und kann euch nicht mehr ernähren. Ihr aber seid nun schon erwachsen, könnt in die Welt gehen und euch euer Brot selber verdienen. Wenn ein Jahr verflossen sein wird, dann kehrt nach Hause zurück. Wer am meisten verdient hat, der darf bei mir bleiben.“
Die Söhne zogen in verschiedenen Richtungen davon, und jeder fand eine Arbeit.
Bald war ein Jahr verstrichen.
Als erster kam der älteste Sohn in das Vaterhaus zurück und brachte viel Geld. Am nächsten Tag kehrte der mittlere zurück, aber er hatte nur wenige Geldstücke bei sich. Am übernächsten Tag traf der jüngste Sohn mit leeren Händen ein.
Da zürnte der Vater dem Jüngsten und jagte ihn aus dem Hause. Wieder zog der Junge in die Welt hinaus, immer der Nase nach. Er ging und ging, bis schließlich die Nacht anbrach. Da kam er in einen dunklen Wald, setzte sich auf einen Baumstumpf, holte das letzte Stück Brot aus der Tasche, das er von zu Hause mitgenommen hatte, und verzehrte es. Dabei dachte er darüber nach, was er nun beginnen und wohin er sich wenden solle. So sehr war er in Gedanken versunken, daß er nicht einmal merkte, wie plötzlich ein Riese vor ihm stand.
„Warum läßt du den Kopf hängen, Junge?“ fragte der Riese.
Da erzählte ihm Iwan alles.
„Wenn du nichts dawider hast, so verdinge dich bei mir als Knecht“, schlug der Riese Iwan vor.
Iwan willigte ein und folgte seinem neuen Herrn. Sie kamen in ein schier undurchdringliches Waldesdickicht, darin stand das Haus des Riesen.
Im Hause des Riesen ging es Iwan gut. Viel war nicht zu tun. Der Riese lehrte Iwan das Reiten und zeigte ihm, wie man das Schwert handhaben mußte. Sogar das Lesen, Schreiben und Rechnen brachte er seinem Diener bei.
Ein Jahr verging. Da kam eines Tages der Riese nach Hause und sprach zu Iwan:
„Iwan, zäume das Pferd auf und hole die Waffen. Reite gegen Mittag, dort findest du hinter zwei Bergen ein großes Schloß, das von einer Mauer umgeben ist. In dem Schloß aber lebt ein Vampir. Den sollst du erschlagen.“
Der Junge verabschiedete sich von dem Riesen und ritt gegen Mittag.
Drei Tage war er unterwegs. Endlich erblickte er ein häßliches schwarzes Schloß, das von einer schwarzen Mauer umgeben war. Iwan ritt durch das Tor und erblickte den Vampir, der eine eiserne Keule in der Hand hielt.
Als der Vampir Iwan bemerkte, brüllte er mit entsetzlicher Stimme:
„Was suchst du hier? Wie kannst du es wagen, mein Gebiet zu betreten?“
„Ich kam, um mit dir zu kämpfen“, erwiderte Iwan.
Der Vampir lachte höhnisch auf und schleuderte seine Keule nach Iwan. Iwan wich rasch aus, und die Keule sauste an ihm vorbei. Nun packte Iwan die Keule, zielte und schleuderte sie nach dem Vampir, der darauf tot umfiel.
Alsdann trat Iwan in das schwarze Schloß und fand darin ein schwarzes Roß und schwarzes Pferdegeschirr. Iwan bestieg das schwarze Roß, band sein Pferd mit dem Zügel am Sattel des schwarzen Rosses fest und sprengte von dannen.
Der Riese erwartete ihn bereits. Als er seinen Diener erblickte, lobte er ihn, nahm die Pferde und führte sie in den Stall.
Wieder verstrich einige Zeit. Der Junge wuchs heran und ward immer klüger und immer kräftiger. Da rief ihn eines Tages der Riese zu sich und sprach:
„Nun sollst du gegen Mitternacht reiten. Du wirst durch undurchdringliche Wälder, über unzugängliche Sümpfe kommen und dann ein Schloß erblicken. In jenem Schloß lebt ebenfalls ein Vampir. Viel Unheil fügt er den Menschen zu. Er muß getötet werden. Töte den Vampir und lege den Sumpf trocken. Wenn du das getan hast, werden die Menschen wieder Korn darauf säen können.“
Iwan traf keine langen Vorbereitungen und ritt schon am nächsten Tag gegen Mitternacht.
Er ritt und ritt, bis er in einen dichten, undurchdringlichen Wald kam. Nicht leicht war es, durch diesen Wald zu gelangen. Allein Iwan nahm das Schwert zur Hand und bahnte sich einen Weg durch das Dickicht. Den ganzen Tag mühte er sich ab, bis ihn die Nacht überraschte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als im Wald zu übernachten. Er band dem Pferd die Beine zusammen, damit es sich nicht zu weit entferne, legte sich ins Moos und schlief ein.
Er schlief aber nicht lange. Als er erwachte, sah er, daß die Bäume ringsum auseinandergetreten waren. Alles strahlte ein zauberhaftes Licht aus. Der Boden war mit duftenden Blumen bedeckt. Wunderbare Vögel sangen in den Zweigen so herrlich, wie Iwan noch nie einen Gesang gehört hatte.
Dieser Gesang lockte Feen aus dem Waldesinnern hervor, aus der Tiefe der Seen tauchten Wassernymphen empor, tanzten und sangen. Allerlei Tiere versammelten sich um sie. Keines der starken Tiere tat den schwächeren etwas zuleide. Auf einem Aste über Iwans Kopf saß ein alter Uhu und sprach mit einer kleinen Turteltaube. Aufmerksam lauschte die Taube den Worten des Uhus.
Auch Iwan hörte, was der Uhu sagte. Aus der Erzählung erfuhr er, daß über diesem Wald ein Fluch gelastet habe, daß alles darin tot gewesen war. Erst seitdem er, Iwan, hergekommen sei und sich einen Weg in die Waldesmitte gebahnt hätte, wäre alles im Wald wieder aufgelebt. Dies sei der Grund, warum die Vögel und die Tiere des Waldes ein solch frohes Fest feierten.
Iwan verwunderte sich nicht wenig über das Geschehene, aber er war müde und schlief wieder ein. Er erwachte, als die Sonne bereits aufgegangen war. Er schaute um sich und sah, daß er sich am Waldrande befand und ein weites, mit duftenden Blumen bedecktes Feld sich vor ihm erstreckte.
,Sieh mal an‘, dachte Iwan, ,auch die Sümpfe sind schon ausgetrocknet. Jetzt aber rasch zu dem Vampir, um ihm sein letztes Stündlein zu verkünden.
Er sattelte das Pferd und ritt im Galopp davon. Er war noch nicht lange geritten, als sich das Schloß des Vampirs vor seinen Augen erhob. Rings um das Schloß ragte eine hohe Mauer empor. Iwan jagte schnell wie der Wind in den Schloßhof. Der Vampir erwartete ihn bereits.
Sie begannen zu kämpfen. Allein die Kräfte des Vampirs erlahmten rasch, und Iwan tötete ihn. Er trat ins Schloß, fand das Roß des Vampirs und das Pferdegeschirr, nahm all das an sich und schwang sich auf das Pferd.
Als er aus dem Schloßhof kam, vermochte er seinen Augen kaum zu trauen: Auf den Feldern arbeiteten Menschen, mähten das Gras, trockneten Heu, bestellten die Felder und pflügten. Iwan wurde es froh ums Herz. Er eilte nach Hause, um seinem Herrn die freudige Botschaft zu bringen.
Als der Riese Iwan erblickte, war er hocherfreut. Er nahm ihm Roß und Geschirr ab und hieß ihn, sich zur Ruhe zu begeben.
Aber viel Zeit zum Ausruhen blieb Iwan nicht. Bald schon weckte ihn der Riese und forderte ihn auf, gegen Morgen zu reiten, um auch noch den dritten Vampir niederzuringen. Diesmal mußte Iwan über weglose Steppen und Wüsten reiten. Riesige Skorpione stellten sich ihm in den Weg und bedrohten ihn mit dem Töde. Furchtbare Spinnen überfielen ihn und versuchten, ihn mit ihrem Gewebe zu umgarnen. Allerlei Gespenster erschienen, um ihn vom Wege abzubringen. Plötzlich erblickte er einen See; doch als er seinen Durst stillen wollte, verschwand der See, sobald er sich ihm näherte.
Da beschloß Iwan, sich nicht mehr vom Wege abbringen zu lassen und nur die Richtung nach Morgen, einzuhalten. Das tat er dann auch. Endlich gelangte er an ein großes weißes Schloß, das von einer Mauer umgeben war. Hier hatte Iwan seinen bisher schwersten Kampf zu bestehen. Es gelang ihm jedoch, auch den dritten Vampir zu besiegen. Er nahm dessen weißes Roß und das Pferdegeschirr an sich und kehrte zurück. Auf dem Rückweg sah Iwan, daß die Wüsten ergrünten, die tiefen Gräben sich mit Wasser füllten, die Seen voller Wasser waren und die Sonne sich in ihnen spiegelte. Auf den Bäumen sangen Vögel.
Nach Hause zurückgekehrt, übergab Iwan dem Riesen Roß und Geschirr und legte sich hin, um ein wenig auszuruhen. Schon nach kurzer Zeit erlangte er seine Kräfte zurück.
Etwas aber ließ Iwan keine Ruhe: Warum zog sein Herr nicht selber in den Kampf? Eines Tages fragte er schließlich den Riesen:
„Verzeiht meine Neugier, Herr! Aber sagt mir, warum zieht ein so starker und geschickter Mann, wie Ihr es seid, nicht selber in den Kampf und schickt mich stattdessen?“
Der Riese lachte und erwiderte darauf:
„Höre, mein Sohn! Wenn ein starker und weiser Mann eine große Tat vollbringt, so ist das nicht verwunderlich. Merke dir: Großes vollbringen nicht jene Menschen, die viel wissen und sehr stark sind, sondern jene, die ein fester Charakter und ein starker Wille auszeichnet.“
Die Antwort des Herrn gab Iwan zu denken.
Bald darauf lud der Riese Iwan zu einem Ritt ein. Sie bestiegen die Pferde und sprengten los. Nach einiger Zeit kamen sie in eine große Stadt und sahen, daß alle Stadtbewohner in tiefer Trauer waren.
Da fragten Iwan und der Riese, warum solche Trauer in der Stadt herrsche. Die Antwort lautete:
„Ein furchtbarer Drache kam in unsere Stadt geflogen. Er fraß die Hälfte des Viehs, das wir besitzen, und drohte, auch noch die andere Hälfte zu fressen, falls wir ihm nicht des Königs Tochter ausliefern. Die Tochter des Königs aber, ein edles Mädchen, willigte ein, sich dem Drachen zu opfern, um den Rest des Viehs zu retten. Wie können wir die Prinzessin nun davor bewahren und dabei zugleich das Vieh retten, ohne das wir Hungers sterben müßten? Nun kennt Ihr den Grund unserer Trauer! Fände sich ein mutiger Jüngling, der den Drachen besiegen könnte, so gäbe ihm der König seine Tochter zur Frau und überließe ihm auch sein Königreich.“
„Iwan“, sagte der Riese, „du mußt die Königstochter retten und das Land von dem Drachen befreien. Zuvor aber laß uns nach Hause zurückkehren.“
Dort angekommen, band Iwan den Rappen los, welchen er dem ersten Vampir abgenommen hatte, nahm von dem Riesen Abschied und ritt nach der Stadt.
In der Stadt angelangt, erfuhr er, daß die Königstochter bereits zu dem Drachen in den Wald gegangen sei. Sofort wendete Iwan sein Pferd und ritt der Prinzessin hinterher. Diese aber war inzwischen fast an der Drachenhöhle angelangt.
„Halt an, Prinzessin!“ rief Iwan. „Noch ist es zu früh für dich, ins Verderben zu rennen!“
Da trockneten die Tränen im Angesicht des Mädchens. Freundlich lächelte es dem Jüngling zu. Dieser aber näherte sich der Höhle des Drachen und rief:
„He, Drache! Kriech hervor, ich möchte mit dir kämpfen!“
„Warte ein wenig, ich bin noch nicht fertig“, drang eine furchtbare Stimme aus der Höhle.
Es dauerte aber nicht lange, und der Drache sprang mit schrecklichem Gebrüll und Gedröhn aus der Höhle hervor. Iwan saß blitzschnell auf, stürmte dem Drachen entgegen, und ein grauenerregender Kampf begann. Kühn hieb Iwan die Drachenköpfe einen nach dem anderen ab; doch vergeblich, anstelle jedes äbgehauenen Kopfes wuchsen viele neue empor. Aus jedem Rachen schoß eine FJamme hervor und brachte Iwan Brandwunden bei. Da spürte der Jüngling, daß seine Kräfte nachzulassen begannen.
Plötzlich schlug der Drache Iwan mitsamt dem Pferd zu Boden, begrub sie unter sich und begann sie zu würgen. Iwan aber stieß mit letzter Kraft blitzschnell das Schwert nach oben und schlitzte dem Drachen den Bauch auf. Da brüllte der sterbende Drache so entsetzlich auf, daß die Blätter von den Bäumen fielen. Das aber sollte auch sein letztes Gebrüll sein.
Iwan hob den Blick. Unweit von ihm stand, die Augen zu Boden gesenkt, die Prinzessin.
„Warum bist du so betrübt?“ fragte Iwan. „Sieh, der Drache ist verendet. Nun kannst du zu deinen Eltern zurückkehren.“ Da sah die Prinzessin verwundert auf und glaubte ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Endlich sprach sie:
„Nein, ohne dich werde ich nicht nach Hause gehen! Du hast nicht nur mich, sondern uns alle gerettet.“
Die Königstochter reichte Iwan ihre Hand, er hob das Mädchen auf sein Pferd und sie ritten nach der Stadt. Als sie dort eintrafen, hörten sie, wie die Menschen die Königstochter beklagten.
„Genug der Trauer!“ rief die Prinzessin. „Ich lebe! Unsere Rettung aber haben wir diesem Jüngling zu danken!“
Alle freuten sich über die Maßen und geleiteten die Prinzessin und Iwan zum Königsschloß. Auch der König hatte um seine einzige Tochter bereits bittere Tränen vergossen. Doch als er sie jetzt froh und glücklich sah, weinte er vor Freude. Als der König erfuhr, daß Iwan seine Tochter vor dem Verderben gerettet hatte, gab er sie ihm zur Frau. Und es begann ein solches Fest, wie kein menschliches Auge es je wieder gesehen. Iwan lud auch seinen Herrn, den Riesen, zum Fest ein. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie vielleicht noch heute.

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