Der arme Mann und der Rabenkönig

Es war einmal ein armer Mann, der besaß nichts außer einer winzigen Hütte, einem Stückchen Ackerland und zwei kleinen schwarzen, zottigen Öchslein. Ja, fast hätte ich es vergessen: er hatte auch noch eine Frau und einen ganzen Haufen Kinder. Manchmal wußte er nicht, wo ihm der Kopf stand, wenn diese in der winzigen Hütte greinten, weinten und vor Hunger schrien.
Eines Tages ging der Mann mit dem jüngsten Sohn auf seinen kleinen Acker. Und er begann den Acker mit den Öchslein zu pflügen. Er pflügte und pflügte. Aber kaum hatte er zwei Furchen gezogen, verfinsterte sich mit einem Male der Himmel, so, als wäre es Nacht geworden.
Erstaunt schaute der arme Mann zum Himmel empor, um zu sehen, woher plötzlich die dunklen Wolken heraufgezogen waren, und erblickte über sich einen riesigen Vogel.
Der Schnabel des Vogels glich einem spitzen, in Feuer gehärteten Spieß; seine Krallen waren wie eiserne Haken. Seine Schwingen aber waren so groß, daß sie die Sonne verdeckten.
Als sich der Riesenvogel auf dem Acker des armen Mannes niederließ, erschrak dieser zu Tode. Der Vogel bedeckte mit seinen Schwingen nicht nur den Mann, sondern auch dessen Sohn, die zottigen Öchslein und den Pflug.
Wie erschrak aber der Mann, als der Vogel mit menschlicher Stimme zu reden anhub:
„Sprich, Mann, was soll ich dir nehmen? Deinen Sohn oder die Öchslein? Meine Kleinen sind ausgehungert und brauchen einen großen Happen!“
„Nimm mich!“ sagte der arme Mann. „Ich bin schon alt und habe mich genug auf Erden geplagt.“
„Dich nehme ich auf keinen Fall“, erwiderte der fürchterliche Vogel. „Zuviel Tabak hast du geraucht, so daß dein Fleisch wie geräuchert ist; meine Kleinen würden krank davon werden. Gib mir deinen Sohn oder die zottigen Öchslein!“
Da dachte der arme Mann darüber nach, was er machen solle: »Kinder habe ich viele. Gebe ich diesen Buben weg, bleiben ihrer immer noch genug. Öchslein aber habe ich bloß zwei. Nimmt sie dieser fürchterliche Vogel weg, wie soll ich dann den Acker zu Ende pflügen, Holz aus dem Walde holen, wie das Stückchen Brot zum Leben verdienen?’
Der Vogel aber wurde nun imgeduldig:
„Sinne nicht so lange nach, sondern antworte mir kurz und bündig: Was gibst du mir?“
Bei diesen Worten scharrte der Vogel mit den Krallen die Erde auf. Der Mann schaute sich diese Krallen an, und es tat ihm leid um den Sohn. ,Komme, was will!’ dachte er, ,diesen schrecklichen Krallen liefere ich mein Kind nicht aus!’
„Nimm die Öchslein!“ sprach er betrübt.
„Dein Glück, daß du die Öchslein und nicht den Buben hergibst. Sonst hätte ich“, sprach der Vogel, „sowohl dich als..auch die Öchslein genommen. Und nun höre gut zu: Für die Öchslein werde ich gut bezahlen. Schicke alsbald einen deiner Söhne in mein Schloß. Ich gebe ihm all das, was er von mir begehren wird.“
„Und wo befindet sich dein Schloß?“ fragte der Mann.
„Dein Sohn findet mein Schloß hinter grünen Almen und hinter dichten Wäldern auf einer silbernen Wiese. Er frage nur, wo der König der Raben wohnt.“ Sprach’s, packte mit den Krallen die zottigen Öchslein mitsamt dem Pflug, erhob sich hoch in die Lüfte und flog davon.
Traurig kehrte der Mann nach Hause zurück.
„Wo sind denn die Öchslein?“ fragte die Frau.
Als ihr der Mann von seinem Erlebnis erzählte, ward auch sie tief betrübt.
„Was soll nun aus uns werden? Wie wird uns der Boden Brot hergeben, wenn der Acker nicht gepflügt, wenn der Samen nicht gesät ist?“
„Weinet nicht mehr, Mütterchen!“ sprach der älteste Sohn. „Sogleich werde ich zum König der Raben gehen und die Zahlung für die Öchslein holen. Sollte ich aber nicht zurückkehren, so wird es eine Scheibe Brot mehr für euch geben.“
Als die Mutter dies hörte, weinte sie nur noch heftiger:
„Geh nicht fort, mein Kind, jener furchtbare Vogel wird auch dich fressen. Mag kommen, was will! Gibt es für die anderen etwas zum Essen, findet sich auch für dich, ein Stückchen Brot.“
Allein der Sohn schenkte ihren Bitten kein Gehör. Da buk die Mutter einen Brotlaib, packte eine Zwiebel in den Sack und gab ihm viele Segenswünsche mit auf den Weg.
Alsdann begab sich der älteste Sohn auf die Suche nach jenen grünen Almen, jenen dichten Wäldern und dem Schloß auf der silbernen Wiese, wo der König der Raben wohnte.
Er überquerte eine hochgelegene Weide, erklomm einen zweiten Berg und gelangte in einen dichten Wald. Der Hunger plagte ihn sehr. Daher setzte er sich unter einen Strauch, holte das Brot und die Zwiebel aus dem Sack und machte sich ans Essen.
Noch hatte er nicht den ersten Bissen zwischen den Zähnen, da sah er einen schwarzen Raben heranhüpfen, der auf einem Bein lahmte.
„Sei gegrüßt!“ sprach der Rabe.
Der Knabe erwiderte den Gruß.
Darauf hockte sich der Rabe neben den Knaben hin und schaute zu, wie dieser voller Appetit das Brot und die Zwiebel verzehrte.
„Würdest du mir nicht“, bat der lahme Rabe, „ein kleines Stückchen Brot abgeben? Mich hungert es so sehr.“
„Such dir selber was zum Picken! Ich bin schrecklich hungrig, habe noch einen weiten Weg vor mir und kann dir nichts abgeben!“ erwiderte hartherzig der älteste Sohn.
„Wohin führt dich dein Weg?“ fragte der Rabe.
„Ich suche die silberne Wiese, auf der das Schloß des Rabenkönigs steht.“
„Nimm mich auf deine Schulter, denn auch ich will dorthin. Allein meine Flügel und meine Beine wollen mir nicht mehr dienen. Ich zeige dir dafür den Weg.“
„Wie soll ich dich tragen,“ erwiderte gleichgültig der Knabe, „wenn meine müden Beine mich selber kaum noch tragen!“
Da hüpfte der Rabe weg, schwang die Flügel, erhob sich in die Lüfte und flog davon.
„Ha, was für ein listiges Federvieh!“ erregte sich der Knabe. „Und so einer wollte bequem auf meinen Schultern durch den Wald getragen werden!“
Er legte den Brotrest in den Sack zurück und machte sich wieder auf den Weg. Allein er fand weder die silberne Wiese noch das Rabenschloß, verirrte sich und fand nicht mehr aus dem Walde zurück.
Der arme Mann und seine Frau warteten auf die Rückkehr ihres Sohnes, doch vergebens. Tage und Nächte vergingen, vom Sohn kam kein Lebenszeichen…
Da sprach der mittlere Sohn:
„Backt für mich einen Laib Brot, und packt eine Zwiebel mit in den Sack! Ich werde den Bruder suchen gehen. Vielleicht finde ich auch die silberne Wiese und das Schloß des Rabenkönigs.“
„Gehe nicht fort, Söhnchen!“ bat die Mutter. „Verlaß uns nicht! Irgendwie werden wir auch ohne die Zahlung des Rabenkönigs ein Auskommen haben. Ist es aber deinem Bruder vom Schicksal bestimmt heimzukehren, so wird er eines Tages zurückkommen!“
Allein der Mutter gelang es nicht, ihn umzustimmen. Und sie mußte auch den mittleren Sohn ziehen lassen.
Der Knabe wanderte über grüne Almen und durch dichte Wälder Wie er nun so dahinging, sah er auf einmal Raben fliegen. Da hoffte er, nun bald das Schloß des Rabenkönigs zu finden.
„Möglich“, durchfuhr es ihn, „daß auch mein Bruder sich in der Nähe aufhält!“
In einem dichten Walde verspürte der Knabe heftigen Hunger. Er setzte sich hin, holte das Brot und die Zwiebel hervor und aß. Plötzlich erschien ein lahmer Rabe vor ihm und bat um ein winziges Stückchen Brot.
„Dein König nahm uns die Öchslein weg“, sprach der mittlere Sohn, „dann mag er auch dich ernähren.“
„Nimm mich wenigstens auf die Schulter“, bat der Rabe, „damit ich, hungrig und lahm wie ich nuri einmal bin, nicht im Walde umkomme.“
„Möge dein König dich auf seinen Schultern tragen“, sprach der Knabe.
Da hüpfte der Rabe zur Seite, schwang die Flügel, erhob sich in die Lüfte und flog davon.
Verwundert starrte ihm der mittlere Sphn nach, stand dann auf und setzte seinen Weg fort. Aber er fand weder die silberne Wiese noch das Schloß des Rabenkönigs. Auch er verirrte sich im Walde und fand nicht mehr zurück.
Viele Tage und Wochen warteten der arme Mann und seine Frau auf die Heimkehr der Söhne, allein vergebens. Kein Lebenszeichen kam von ihnen.
Da sprach der jüngste Sohn zu seiner Mutter:
„Pack, liebes Mütterchen, Wegzehrung für mich in den Sack. Vielleicht gelingt es mir, die Zahlung zu erhalten, die uns der Rabenkönig versprochen hat. Möglich, daß ich dabei auch die Brüder finde.“
Wieder weinte die Mutter und versuchte, es dem Knaben auszureden. Umsonst. Sie mußte auch ihm die Wegzehrung zubereiten.
Der jüngste Sohn wanderte über Hochalmen und durch düstere Wälder. Endlich setzte er sich unter den gleichen Strauch, wo einst seine Brüder gesessen, und begann sein kärgliches Mahl zu verzehren. Er hatte noch nicht die zweite Brotscheibe abgeschnitten, als auch schon der lahme Rabe erschien, auf einem Bein heranhüpfte und den Knaben bat:
„Gib mir ein Stückchen Brot!“
Der Rabe hatte kaum zu Ende gesprochen, da schnitt der Knabe schon eine dicke Brotscheibe ab und gab sie ihm.
„Sieh, du Armer, ich habe Brot genug, auch esse ich nicht gern allein.“
„Und gibst du mir auch ein Stückchen Zwiebel?“ fragte der Rabe.
„Warum denn nicht? Willst du es haben, gebe ich es dir gern.“
Der Rabe aß das Brot und die Zwiebel auf, bedankte sich vielmals und fragte:
„Wohin führt dich dein Weg, lieber Knabe? Wisse, aus diesem dichten Wald hat noch kein Mensch je wieder herausgefunden.“
„Ich will zu der silbernen Wiese gelangen. Auf dieser Wiese steht ein silbernes Schloß, im Schloß aber wohnt der Rabenkönig. Auch meine Brüder sind sicherlich dort.“
„Nimm mich auf die Schulter“, bat der Rabe, „denn ich lahme auf einem Bein, und meine Flügel sind zu schwach.“ „Warum nicht? Noch nie trug ich einen Raben auf der Schulter“, erwiderte der Knabe lachend und nahm den Raben auf seine Schulter.
Und die beiden machten sich auf den Weg. Der Rabe saß auf des Knaben Schulter und flüsterte ihm dauernd zu:
„Nach rechts! Nach links! Nun geradeaus!“
Zwei Tage und zwei Nächte gingen sie auf diese Weise. Sie durchquerten einen finsteren Wald und bald darauf noch einen. Plötzlich tat sich der Wald auf, und sie standen vor einer großen Wiese. Aber was für eine Wiese war das! Das Gras, die Blumen, ja sogar die Steine waren aus Silber.
Inmitten der Wiese aber ragte ein hoher, silberner Felsen empor. Auf seinem Gipfel erhob sich ein wunderschönes Schloß.
Der Knabe stand wie verzaubert da. Nicht einmal im Traum hatte er solch eine Pracht gesehen. Nun setzten sie sich am Wiesenrain nieder und aßen alles auf, was im Sack geblieben war.
Darauf sprach der Rabe:
„Auf jenem Felsen dort steht meines Königs Schloß. Den Weg findest du nun selbst. Doch dafür, daß du mir Gutes erwiesen hast, will ich dir einen Rat geben: Fragt dich mein König, weis du für die Öchslein begehrst, so bitte dir nur eines aus! Sage ihm, er möge dir das geben, was er unter sein Haupt legt, wenn er schlafen geht.“
Sprach’s und verschwand.
Der Sohn des armen Mannes machte sich an den Aufstieg. Oben angekommen, empfing ihn schon die Schloßwache und führte ihn geradewegs vor den silbernen Thron, auf dem der Rabenkönig saß.
„Wie fandest du den Weg hierher?“ fragte der König der Raben.
„Gute Menschen zeigten ihn mir“, erwiderte der Knabe, der den lahmen Raben nicht verraten wollte.
„Nun, da es dir gelang, mein Schloß zu erreichen, muß ich mein Wort halten. Sieh dir alle meine Säle an, und was dir am besten gefällt, das darfst du mitnehmen!“
Drei Tage und drei Nächte lief der Sohn des armen Mannes durch die königlichen Gemächer und hatte noch nicht einmal den zehnten Teil des Schlosses gesehen. Da ging er zum König der Raben und sprach:
„Wunderbar sind alle deine Gemächer, oh König! Vieles habe ich gesehen, vieles hat mir sehr gefallen. Aber was soll ich mit all dem Reichtum beginnen? Die anderen Gemächer werde ich mir daher nicht mehr ansehen, doch um eines bitte ich dich: gib mir das, was du unter dein Haupt legst, wejm du schlafen gehst!“
Als der Rabenkönig dies hörte, wurde er furchtbar wütend und befahl in blindem Zorn, alle Raben mit dem Tode zu bestrafen, die den Knaben durch die Säle geführt hatten. Und wirklich schlug man den Raben die Köpfe ab.
„Dies geschah“, sprach der König, „weil einer von ihnen dem Knaben einen solchen Rat gab.“
Und nun versuchte der König, dem Knaben dessen Wunsch auszureden: „Alles, was du dir nur wünschen kannst, werde ich dir geben, wenn du von deiner Bitte abläßt!“
„Ich möchte aber nichts anderes!“ beharrte der Knabe.
„Ich gebe dir auch Ochsen und soviel Geld, wie diese in einem Wagen fortziehen können.“
„Nein, gib mir nur das, was du unter dein Haupt legst, wenn du schlafen gehst!“
„Ich gebe dir alles, was sich in meinen Gemächern befindet!“
Allein der Knabe gab nicht nach.
Was blieb da dem Rabenkönig anderes übrig? Er holte unter dem Polster seines Bettes eine winzige Mühle hervor und gab sie dem Knaben. Aufs Haar glich sie den Mühlen, mit denen in den herrschaftlichen Häusern zu jener Zeit der Kaffee gemahlen wurde.
„Hier hast du, was du begehrtest! Aber mm verschwinde aus meinen Augen, damit ich dich nicht noch mit dem Schnabel zerhacke!“ rief zornig der König.
Der Knabe erschrak, legte hastig die Mühle in den Sack und rannte so schnell er konnte davon. Erst in dem dichten Walde hielt er inne.
Er setzte sich hin, stellte die Mühle vor sich auf den Boden und suchte im Sack nach einem Stückchen Brot. Jedoch der Sack war völlig leer.
»Schlecht hat mich der lahme Rabe beraten’, dachte der Knabe. ,Hätte ich mir nur etwas von den Schätzen des Rabenkönigs ausgesucht, dann wäre ich jetzt besser dran.’
Traurig saß der Knabe da. Bald aber begann er die Mühle von allen Seiten zu betrachten. Er war neugierig darauf, endlich zu erfahren, was es mit ihr eigentlich auf sich hatte. Immer noch nicht konnte er verstehen, warum der König all seine Reichtümer für die Mühle hatte hergeben wollen. Was war schon besonderes an dieser kleinen, ganz gewöhnlich aussehenden Mühle?
„Ach, ich werde hier gewiß noch vor Hunger umkommen“, sprach der Knabe betrübt. „Wenn doch jetzt vor mir ein Tisch erschiene, voller Speisen und Getränke, wie ich ihn in des Rabenkönigs Schloß gesehen habe!“
Während er das vor sich hinsprach, drehte er an dem Griff der Mühle.
Im selben Augenblick stand auch schon vor dem Knaben ein Tisch, der war voll der köstlichsten Speisen und Getränke.
„Sieh mal einer an, was das Mühlchen kann!“ verwunderte sich der Knabe.
Doch bald darauf ward er wieder betrübt und dachte: ,Wie kann ich allein mit dem Essen beginnen, wo doch Vater und Mutter, die Brüder und Schwestern hungern müssen?’
Da drehte der Knabe abermals an dem Griff der Mühle und sprach:
„Mögen Vater und Mutter, mögen alle meine Brüder und Schwestern hier erscheinen!“
Augenblicklich saßen auch schon alle, die er gerufen hatte, um den Tisch: Vater und Mutter, Brüder und Schwestern.
Nicht eher erhoben sie sich vom Tisch, bis auch der letzte Bissen verzehrt, das letzte Glas ausgetrunken war. Darauf kehrten sie alle froh nach Hause zurück und lebten glücklich und zufrieden. Was immer sie auch begehrten, die Mühle schaffte es ihnen herbei.
Glaubt ihr mir aber nicht, so geht in die Hütte jenes Mannes und fragt dort alle, ob ich die Wahrheit gesprochen. Wenn sie Lust zum Erzählen haben, werden sie euch gewiß alles bestätigen.

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