Der alte Nesterka

Es war einmal ein alter Mann, der hieß Nesterka und hatte sechs Kinder. Zum Arbeiten war er zu faul, zum Stehlen zu ängstlich, und zum Betteln fehlte ihm der Mut. So hatte er nichts, wovon er leben sollte. Da beschloß er, zu Gott zu gehen.
Als er so ging, kam ihm der heilige Georg auf einem Pferd mit goldenem Sattel entgegen. „Sei gegrüßt, heiliger Georg!“
„Sei gegrüßt! Wer bist du?“
„Ich bin der alte Nesterka, habe sechs Kinder, bin zum Arbeiten zu faul, zum Stehlen zu ängstlich, und zum Betteln fehlt mir der Mut.“
„Wohin willst du?“
„Zu Gott!“
„Weshalb?“
„Siehst du, ich habe nichts zu leben und gehe Gott fragen, womit ich mich beschäftigen soll, ob ich lesen, schreiben oder stehlen soll. Aber wohin willst du denn, heiliger Georg?“
„Ich will auch zu Gott.“
„Warum?“
„Ich habe dort zu tun.“
„Bitte, denk dort auch an mich, heiliger Georg!“
„Gut, ich werde es tun!“
„Erkundige dich bei Gott, heiliger Georg, womit ich mich beschäftigen soll!“
„Gut, ich werde mich erkundigen!“
„Du vergißt es doch nicht, heiliger Georg?“
„Nein, nein, ich werde mich erkundigen!“
„Nein, du vergißt es ja doch! Gib mir als Pfand dafür, daß du es nicht vergißt, deinen goldenen Steigbügel!“
„Womit soll ich dann aber reiten?“
Der alte Nesterka holte eine Rute, bog einen Steigbügel daraus, befestigte ihn und nahm den goldenen als Pfand. Da ritt der heilige Georg zu Gott, und der alte Nesterka wartete am Wege auf seine Rückkehr. Der heilige Georg erledigte bei Gott seine Angelegenheiten und setzte sich wieder aufs Pferd. Da sah Gott den Rutensteigbügel und fragte: „Wo ist denn dein Steigbügel?“
„Ach, lieber Gott, den hat der alte Nesterka als Pfand genommen. Er hat sechs Kinder, ist zum Arbeiten zu faul, zum Stehlen zu ängstlich, und zum Betteln fehlt ihm der Mut. Wovon soll er denn leben?“
„Soll er sich vom Lügen ernähren!“
Dann ritt der heilige Georg davon. Als er zum alten Nesterka kam, fragte dieser: „Na, heiliger Georg, was hat Gott gesagt?“
„Gott hat gesagt: ‚Soll er sich vom Lügen ernähren!’ Doch nun gib mir den goldenen Steigbügel, den du mir als Pfand abgenommen hast, zu-rück, Nesterka!“
„Ich soll ihn dir abgenommen haben? Im Gegenteil, ich habe dir meinen Rutensteigbügel gegeben. Er hängt dort am Sattel, gib ihn mir zurück!“
Der heilige Georg hatte schon so viel Ärger mit dem alten Nesterka gehabt, und nun mußte er auch noch den Rutensteigbügel bezahlen.
Nesterka aber lief in seine Hütte. „Nun habe ich wieder etwas zum Leben, Gott sei Dank! Nicht umsonst hat mir Gott gesagt, daß ich leben und mein Brot haben werde, wenn ich lüge.“
Als das Geld, das ihm der heilige Georg für den Rutensteigbügel gezahlt hatte, verbraucht war, hängte Nesterka den goldenen Steigbügel am Tor auf. Da kam ein reicher Herr vorbeigeritten. Als er den Steigbügel am Tor hängen sah, sagte er zu seinem Kutscher: „Geh mal hin und frage, ob er Sättel zu verkaufen hat!“ Der Kutscher trat in die Hütte und fragte: „Stellst du Sättel her?“
„Ja“, sagte der alte Nesterka, „aber nur gegen Bestellung, denn meine Sättel sind teuer, sie sind aus Silber und Gold.“
Der Kutscher ging zu seinem Herrn und richtete es aus. Da stieg der feine Herr aus der Kutsche und begann mit dem alten Nesterka zu handeln. Sie vereinbarten, daß Nesterka ihm einen Sattel für hundert Rubel herstellen sollte und das Geld im voraus bekommen würde. Nesterka nahm das Geld und setzte sich auf den Ofen.
Als der feine Herr kam, um den Sattel abzuholen, saß Nesterka barfüßig auf dem Ofen.
„Wo ist der Sattel?“
„Was für ein Sattel, lieber Herr?“
„Nun der, den ich bereits im voraus bezahlt habe!“
Nesterka bekreuzigte sich nur und sagte: „Was soll ich denn für einen Sattel haben? Ich kann doch nicht einmal Bastschuhe flechten.“
Da schrie ihn der Herr an und sagte: „Zieh dich an, wir gehen zum Richter!“
Der alte Nesterka antwortete: „Was denn, soll ich barfuß mitkommen?“
„Ach, hol’ dich der Teufel! Kutscher, gib ihm meine Filzstiefel! Zieh dich an, wir wollen gehen!“
„Was denn, soll ich so unbekleidet mitkommen?“
„Ach, hol’ dich der Teufel, Kutscher, gib ihm meinen Pelz!“
Der Kutscher brachte den Pelz, und der alte Nesterka zog sich an. Sie traten aus der Hütte, und der reiche Herr schwang sich auf ein Pferd. Als der alte Nesterka dies sah, sagte er: „Was denn, bin ich vielleicht ein Hund, daß ich zu Fuß gehen soll?“
„Soll dich der Teufel holen! Kutscher, gib ihm ein Pferd aus dem Gespann!“
Der alte Nesterka schwang sich auf das Pferd, und sie ritten zum Richter. Sie kamen dort an, und das Gericht begann. „Nun, wie ist es, Nesterka, gibst du dem Herrn das Geld?“
„Ich schulde ihm doch gar nichts! Er belästigt mich, und ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich will er etwas von mir. Gleich wird er noch sagen, daß ihm auch die Stiefel an meinen Beinen gehö-ren!“
Da sagte der reiche Herr: „Du Dummkopf! Natürlich sind das meine Stiefel!“
„Nun seht ihr! Er sagt, daß diese Stiefel ihm gehören. Vielleicht sagt er jetzt auch noch, daß ihm auch dieser Pelz gehört!“
Da sagte der reiche Herr: „Ach, daß dich der Teufel hole! Natürlich ist das mein Pelz!“
„Nun seht, ihr Herren Richter: Er hat es nun auch auf den Pelz abgesehen, vielleicht wird er jetzt auch noch sagen, daß ihm auch mein Pferd gehört!“
Da schrie der reiche Herr von neuem: „Ach, daß dich der Teufel hole! Natürlich gehört mir dieses Pferd!“
„Nun seht ihr, ihr Herren Richter, jetzt sagt er schon, daß auch das Pferd sein Eigentum ist!“
Da überlegten und berieten die Richter und sagten schließlich zu dem feinen Herrn: „Nein, Bruder, du scheinst wirklich zu lügen, wenn du sagst, daß alles dir gehört, der Pelz, die Stiefel, das Pferd und das Geld.“
So ließen sie den alten Nesterka straffrei ausgehen. Er setzte sich auf sein Pferd und ritt nach Hause. Nun hatte er ein Pferd, einen Pelz, ein Paar Stiefel und das Geld. Und er lebt noch heute von diesem Geld.

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