Den Gutsherren zur Lehre

Hört gut zu, denn ich erzähle euch kein Märchen, sondern die reine Wahrheit. Wo das geschehen ist, habe ich jetzt vergessen, denn wie ihr seht, bin ich schon ein alter Mann, und wenn einem die Haare ausfallen, dann schwindet natürlich auch das Gedächtnis aus dem Kopf. Ihr könnt euch daran nicht mehr erinnern, denn es ist schon sehr lange her. Es war noch zur Zeit der Leibeigenschaft.
Es war schön, wenn einer einen guten Gutsherrn hatte. Aber wo gab es schon solche guten Gutsherren? Die meisten waren keine Gutsherren, sondern ekelhafte Bestien. Wer an so einen gar-stigen Kerl geraten war, hätte sich am liebsten hingelegt und wäre gestorben. Denn so einem war nichts recht zu machen. Nicht umsonst sagt man: Wenn man dem Teufel die Tür versperrt, kommt er durchs Fenster. So ist es auch mit einem grau-samen Gutsherrn. Du versuchst ihm alles recht zu machen und arbeitest fleißig, er aber schreit dich nur immer an: „Nicht so, du Spitzbube, nicht so, du Taugenichts, nicht so, verflucht noch einmal!“ Und er frißt dich mit Haut und Haaren, verachtet dich und verhöhnt dich, und wenn du dir etwas zuschulden kommen läßt, dann zieht er dir lebendig das Fell herunter. Ach ja, sehr schwer war es mit den grausamen Gutsherren! Und böse waren sie alle.
Da lebte doch einmal auf einem Gutshof so ein böser Gutsherr. Was richtete der nicht alles an! Was tat er nicht alles, um die Menschen zu quälen! Er prügelte die Männer und die Frauen, die alten und die jungen. So manchen prügelte er zu Tode, und vor niemandem hatte er Angst. Er be-handelte die Menschen schlimmer als die Hunde. Und was tat er erst alles den Jungen und Mädchen an! Man schämt sich, es zu sagen. Es gab schon gar nichts mehr, was sich dieser garstige Mensch noch ausdenken konnte, um die Menschen zu quälen. Da befahl er eines Tages, daß die Bauern ihre Ochsen nur auf dem Gutshof verkaufen dürfen.
An beiden Enden des Dorfes stellte er Schlagbäume auf und ließ keine Kaufleute zu den Bauern. So mußten die Leute die Ochsen auf dem Hof verkaufen. Wenn aber einer einen Ochsen brachte, dann sagte der Gutsherr: „Was hast du da gebracht, du Esel? Das ist doch kein Ochse, sondern ein Ziegenbock!“
Wenn er wenigstens noch für einen Ziegenbock bezahlt hätte. Aber er schickte die Bauern sogar noch manchmal in den Pferdestall, wo sie ein halbes Hundert Stockschläge bekamen.
Lange quälten sich die armen Bauern so mit diesem Gutsherrn. Lange litten sie, denn was sollten sie schon tun, bei wem sollten sie sich beschweren? Bekanntlich schützt ja ein Gutsherr den anderen. Da fand sich aber einmal ein Mann, der diesem Gutsherrn alle Tränen der Menschen und alle Ungerechtigkeit heimzahlte. Und das war so:
Dort lebte ein kühner, verwegener und kluger Bursche. Er war schon früh zum Waisenkind geworden, aber er war auch allein mit der Wirtschaft fertiggeworden. Es war ein guter Bursche. Nie hatte ihn jemand auch nur mit dem Finger zu berühren gewagt. Auch er brachte einen Ochsen zum Verkauf auf den Hof. Als der Gutsherr ihn erblickte, trat er hinaus auf die Treppe. „Was hast du da gebracht, du Esel? Das ist doch kein Ochse, sondern ein Ziegenbock!“
Der junge Bursche schaute um sich, ob niemand in der Nähe des Gutsherrn war, zeigte ihm eine Rute und fragte: „Ist das eine Birkenrute oder eine Weidenrute? Ich habe dir doch einen Ochsen und keinen Ziegenbock gebracht, Guts-herr!“ Dann verprügelte er den Gutsherrn mit der Rute. Er prügelte ihn und prügelte ihn, bis er genug hatte. „Das bekommst du dafür, daß du die Menschen quälst, Gutsherr! Wenn du dich davon erholt hast, warte noch mal auf mich, dann will ich dir das Fell abziehen!“
Als der Bursche dies gesagt hatte, flüchtete er in den Wald. Es gab ja damals ganz dunkle und dichte Wälder. In denen konnte man leben, solan-ge man wollte, ohne daß man einen Menschen traf.
Das Gesinde fand den Gutsherrn bewußtlos. So hatte ihn der Bursche verprügelt! Erst am dritten Tage kam er etwas zu sich und befahl, Rymscha einzufangen. So hieß dieser Bursche nämlich. Aber wo sollten sie den schon fangen? Seine Spur hatte der Wind verwischt.
Ungefähr sieben Wochen lag der Gutsherr darnieder und hätte bald dem Teufel seine Seele verschrieben. Was für Doktoren man auch hinbestell-te, niemand konnte ihm helfen, denn Rymscha hatte ihm wahrscheinlich die Leber angeschlagen.
Nach einiger Zeit kam ein fremder Doktor auf den Gutshof, der hatte allerlei Kräuter und Heilmittel. Der Gutsherr freute sich, verbeugte sich vor ihm und bat den Doktor, ihn zu heilen. Der Doktor blieb als Gast auf dem Gutshof und mach-te sich daran, den Gutsherrn zu heilen. Er ließ ein Bad bereiten und brachte den Gutsherrn dorthin. Er setzte ihn auf eine Bank und sagte, er solle sich mit beiden Händen an einer Stange festhalten. Dann fing er an, den Gutsherrn mit allerlei Salben einzureihen. Der Gutsherr saß da, hielt sich mit beiden Händen an der Stange fest und ächzte aus Leibeskräften. Aber nicht lange ließ der Doktor ihn so sitzen. Er zog einen Riemen aus der Tasche, band des Gutsherrn Hände an der Stange fest, stopfte ihm einen Knebel in den Mund, nahm die Rute und sagte: „Ist das eine Birkenrute oder eine Weidenrute? Ich habe dir doch einen Ochsen und keinen Ziegenbock verkauft, Gutsherr!“
Als der Gutsherr sah, daß Rymscha der Doktor war, wollte er schreien, konnte aber nicht, denn er hatte ja den Knebel im Mund. Er wand sich hin und her wie ein Fisch auf der heißen Pfanne, Rymscha aber holte eine Peitsche hervor und schlug den garstigen Gutsherrn, wo er gerade hintraf. Er schlug ihn grün und blau, bis ihm fast überall die Haut abgeplatzt war, dann streute er Salz darauf. Da wurde der Gutsherr vor Schmerz ohnmächtig.
Rymscha aber setzte sich aufs Pferd und ritt seiner Wege.
Lange war der Gutsherr krank, fast ein halbes Jahr konnte er sich nicht bewegen. Alle dachten schon, daß es mit ihm zu Ende gehen würde, aber einen Bösen will auch der Tod nicht haben. Zum Frühjahr erholte sich der Gutsherr wieder und wollte ins Ausland in ein Bad fahren. Als er sah, daß er kein Geld mehr hatte, wollte er den Wald verkaufen. Das Gerücht verbreitete sich, und die Kaufleute kamen, um sich den Wald anzusehen. Sie feilschten und feilschten miteinander, konnten sich aber nicht über den Preis einigen, denn der Gutsherr verlangte sehr viel für seinen Wald. Da kam ein sehr reicher Kaufmann angefahren. Der Gutsherr nahm ihn mit, um ihm den Wald zu zeigen. Er lobte den Wald, der Kaufmann aber führte ihn in ein Dickicht, in einen Morast. Als sie in ein solches Dickicht gekommen waren, wo das Licht Gottes nicht mehr zu sehen war, umfaßte der Kaufmann die Bäume und maß ihren Umfang in Sashen. Aber wie der Gutsherr auch eine Fichte umfassen wollte, holte der Kaufmann schnell ei-nen Riemen aus der Tasche und band ihn an der Fichte fest.
Der Gutsherr sah, daß hier etwas nicht ganz in Ordnung war, er wollte schreien, um Hilfe rufen, aber er hatte sich so erschrocken, daß er kein Wort herausbringen konnte. Der Kaufmann zeigte ihm eine Rute und fragte: „Ist das eine Birkenrute oder eine Weidenrute? Ich habe dir doch einen Ochsen und keinen Ziegenbock verkauft!“
Da erkannte der Gutsherr, daß das Rymscha war. Inzwischen hatte Rymscha dem Gutsherrn den Mund mit Moos vollgestopft und begonnen, ihn zu prügeln, wo er gerade hintraf. Dabei befahl er ihm, die Menschen nicht mehr zu quälen. Er schlug den Gutsherrn und schlug ihn und hätte ihn fast zu Tode geschlagen. Dann ließ er ihn so angebunden an der Fichte, bis das Gesinde ihn fand.
Dieses Mal lag der Gutsherr ein ganzes Jahr darnieder und wurde nicht gesund. Es gab keine Heilung. Man riet ihm, in ein Bad zu fahren. Inzwischen hatte der Gutsherr den Wald, das Getreide und das Vieh verkauft. Er hatte viel Geld bekommen und machte nun Anstalten, ins Bad zu fahren. Aber Rymscha beobachtete den Gutsherrn noch weiter.
Der Gutsherr war kaum aus dem Tor und in den Wald hineingefahren, da bereitete er ihm schon eine Falle. Er stellte auf dem Wege in drei Kilometer Abstand voneinander zwei berittene Burschen mit langen Ruten auf. Als der Gutsherr herankam, zeigte der erste Bursche seine Rute und schrie: „Ist das eine Birkenrute oder eine Weidenrute, Gutsherr?“ Dann sprang er schnell aufs Pferd und ritt davon.
„Greift ihn, greift ihn!“ schrie der Gutsherr. „Das ist doch der Halunke Rymscha!“
Der Kutscher schnitt die Zugriemen durch, schwang sich auf das Pferd und jagte dem Burschen nach. Der aber war in den Wald hineingerit-ten und, weiß der Teufel wohin, verschwunden. Der Kutscher ritt ihm ungefähr zehn Werst weit nach.
Inzwischen war der zweite Bursche vor dem Gutsherrn aufgetaucht. Er zeigte eine Rute und fragte: „Ist das eine Birkenrute oder eine Weidenrute, Gutsherr?“
„Greif ihn, greif ihn, diesen Halunken!“ schrie der Gutsherr den Diener an, „das ist doch Rym-scha!“
Der Diener sprang auf das andere Pferd und jagte dem Burschen nach. Der Gutsherr blieb allein zurück. Da kam Rymscha aus einem Busch hervor und zeigte dem Gutsherrn eine Rute. „Ist das eine Birkenrute oder eine Weidenrute, Guts-herr? Ich habe dir doch einen Ochsen und keinen Ziegenbock verkauft!“
Dann verprügelte er den Gutsherrn mit der Ru-te. Er schlug den Gutsherrn grün und blau, nahm ihm das ganze Geld ab und ging in den Wald zu seiner Erdhütte.
Man sagt, daß Rymscha später den Menschen viel Gutes getan habe. Noch bis heute ragt im dunklen Wald mitten aus dem Sumpf ein Berg hervor. Man nennt ihn Rymschaberg. Das ist zwischen Sapolje und Nowoselki. Vielleicht kennt ihr ihn. Dort soll Rymscha gewohnt haben, sagen die Leute. Er hat dort viel Geld versteckt, aber keiner kann es finden. Die Erdhütte habe ich selbst gesehen, als mich der Gutsherr mit einer Karte dort hinschickte. Wenn man sucht, findet man vielleicht auch Geld dort.

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