Das vergnügte Kloster

An einer guten Straße stand ein Kloster. Dieses Kloster wurde von vielen Leuten aufgesucht. Keiner fuhr an diesem Kloster vorbei. Eines schönen Tages mußte ein Bauer dort entlangfahren. Als frommer Mann wollte er hineingehen und ein Gebet sprechen. Aber daraus wurde nichts. Das Klostertor war fest verschlossen. Also klopfte er ans Tor. Er dachte, sie schlafen fest im Kloster. Nun, wie er auch wartete, es kam niemand.
Da begann er zu lauschen. Es klang bald wie Kirchenlieder, bald wie Verse oder einfache Lieder. „Was soll denn das heißen, die haben ein Zechgelage? Das ist mir ein vergnügtes Kloster!” Der Bauer nimmt sein Merkbüchlein aus der Tasche, reißt ein Blatt heraus und schreibt in großen Buchstaben: „Das vergnügte Kloster.” Klebte das Blatt an und fuhr davon.
Nach einer kleinen Weile mußte der Zar diese Straße entlangfahren. Und er wollte auch im Kloster ein Gebet sprechen. Nur daß ihm dieser Zettel vor Augen kam. „Nanu?” Erstaunt liest er: „Das vergnügte Kloster.” Wie geht das zu, daß sie keinen Kummer haben? Wo ich den ganzen Staat regiere, und doch bis zum Hals in Kummer und Sorgen stecke!”
Er geht ins Kloster hinein. Der Pater Abt kommt ihm mit dem Kreuz entgegen. Der Zar küßte das Kreuz. „Was heißt denn das, ihr habt also hier ein vergnügtes Kloster?” Der Abt wich etwas zurück. „Was sollen diese Worte des Zaren bedeuten?” Er weiß nicht, was er denken soll. Der Zar wiederholt ihm noch einmal: „Ihr habt also ein vergnügtes Kloster?” – „Woher wißt Ihr das?” fragt der Abt demütig. „Kommt nur mit und seht’s Euch an: draußen hängt ein Schild: ,Das vergnügte Kloster’.”
Als der Abt das gesehen hatte, entschuldigte er sich, irgend jemand hat sich einen gemeinen Scherz geleistet. „Wir im Kloster können nicht vergnügt sein.” Der Zar sagte, das wird schon einen Grund haben, „gewiß kennt jemand eure Vergnügtheit! Also hör zu, Abt, ich will euch einen Kummer auferlegen!” – „Und welchen Kummer wollt Ihr uns auferlegen?” – „Ich gebe euch eine Aufgabe, die ihr mir lösen sollt. Und so sollen alle Mönche in dieser Woche etwas Kummer haben. Die erste Aufgabe ist: die Sterne am Himmel zählen; die zweite Aufgabe – ist der Himmel höher oder das Jenseits weiter, wie man es nennt? Und dann -schätzt mich, wieviel ich wert bin.” Damit stieg er ein und fuhr davon.
Der Abt trägt diesen Kummer zu allen Mönchen. „Hört, Brüder, der Zar ist gekommen, ein Gebet zu verrichten, und hat uns statt eines Gebets Kummer zurückgelassen.” Die Mönche verstanden rein gar nichts. „Was ist los, der Pater Abt redet so unverständliche Dinge! Sag uns doch, Pater Abt, sprichst du die Wahrheit oder nicht?” – „Hört zu Brüder, es hat jemand seinen Spott mit uns getrieben, hat einen Zettel angeklebt. In fetten Buchstaben ist darauf geschrieben: ,Das vergnügte Kloster’. Und wegen dieser Aufschrift hat er uns Kummer zurückgelassen.” – „Was für welchen denn?” – „Er hat uns eine Woche Frist gegeben. Die Sterne am Himmel zählen ist die erste Aufgabe, die zweite Aufgabe: feststellen, ob der Himmel höher oder das Jenseits weiter ist, und die dritte Aufgabe: den Zaren selber schätzen, was er wert ist!” – „Ach du liebe Güte!” Alle stießen einen Seufzer aus. „Wie soll denn ein sterblicher Mensch solche Aufgaben lösen können?” – „Da gibt’s kein Aber, denkt nach! Vielleicht findet einer die Lösung!”
Die Zeit war aber kurz. Niemand denkt daran, die Lösung zu suchen. Sie denken nur daran, daß der Zar alle hinrichten läßt. Ein Mönch denkt: „Es ist hin wie her, das Leben ist kurz, da will ich schon lieber zechen und lustig sein. Ich will doch ins Wirtshaus gehen, ordentlich eins trinken, damit nur die Zeit recht schnell vergeht, statt mich zu ängstigen.”
Und er kommt ins Wirtshaus und bestellt eine Riesenmenge Sachen; der Wirt wundert sich, „wozu denn eine solche Menge?” – „Aus Sorge und Kummer”, sagt der Mönch. Nun saß dort gerade ein ausgemachter Trunkenbold: „Aber, aber, Pater, was habt Ihr denn für Kummer?”
„Ach sei still, Bruder, ich habe keine Zeit, mit dir die Zeit zu verschwatzen!” – „Aber Pater, viel-
leicht kann ich dir helfen!” – „Du wirst mir mit deiner Wirtshauskunst kaum helfen können. Also hör zu, Bruder, der Zar hat heute auf der Durchfahrt dem Abt und den Mönchen Kummer auferlegt. Drei Aufgaben hat er gestellt, und keiner kann sie lösen.” – „Und was für Aufgaben waren das?” fragt der Trunkenbold. Und der erzählte es ihm spaßeshalber. „Aber das ist doch eine Kleinigkeit”, sagt der Trunkenbold. „Das ist sehr einfach, die kann ich erraten!”
Der Mönch ließ sogar seine Zecherei sein. Er führte ihn zum Abt, „der wird dich reich belohnen!” Als er zum Pater Abt kommt, berichtet er ihm von diesem Trunkenbold. „Hört, Pater Abt, es hat sich da einer gefunden, der uns aus der Patsche hilft!” – „Ist das wahr?” sagt der Pater Abt. „Ihr könnt ja persönlich mit ihm sprechen.”
Der Pater Abt nimmt diesen Trunkenbold und führt ihn in sein Zimmer. „Nun also, Bruder, der Novize hat dir die ganze Geschichte erzählt?” -„Ja, ich habe sie mir sehr gut gemerkt!” – „Nun also, Bruder, versuch’s, was es kostet, werden wir bezahlen.” – „Wozu Bezahlung, ich brauche sie nicht so dringend. Zuallererst muß ich Eure Abtsgewänder und Euren Ornat anziehen. Muß mich doch inzwischen daran gewöhnen, wie ein Abt zu gehen, denn ich bin – wie Ihr ja wißt – bloß ein Trunkenbold.” – „So komm, laß uns beide sogleich die Kleider wechseln!”
Der Trunkenbold zieht die Kleider des Abts an und gibt ihm seine abgerissenen. Es hilft nichts, wenn’s ihm auch unangenehm ist, er muß sie anziehen. Als sie sich umgezogen haben, sagt der Trunkenbold zu ihm: „Pater Abt, laßt mir einige Lagen Papier bringen!” – „Und wozu?” fragt der Pater Abt. „Das ist meine persönliche Angelegenheit. Ich muß doch irgendwie eine Rechnung machen, die Sterne aufführen, und die Frist ist schon nah.”
Der Pater Abt trug dem Novizen auf, Papier zu bringen. Es wurden einige Lagen Papier gebracht, und er nahm nun den Bleistift und fängt an zu schreiben. Es gab schon etwas zu schreiben. Er setzte erst die Überschrift drüber: Berechnung der Sterne. Und dann schrieb er Zahlen, keine schwierigen. Hier eine Zwanzig, dort eine Dreißig, hin und wieder schrieb er auch eine Hundert und eine Tausend hin, bisweilen auch eine Zwei und eine Drei. Und so beschrieb er das ganze Papier mit Zahlen.
Da kommt der Pater Abt zu ihm. „Nun, gelangst du zum Ende oder nicht?” fragt er ihn. „Bin schon fertig”, sagt er. „Und wie hast du das andere ausgemessen? Wie weit ist es bis zum Himmel und bis zum Jenseits?” – „Das weiß ich schon längst”, sagt der Trunkenbold. Nun bitte, da war nichts zu machen.
Die Zeit kommt heran – der festgesetzte Tag war da. Alle Mönche erwarten voll Ungeduld den Zaren. Nur der Abt macht sich keinerlei Gedanken; als ginge ihn das alles nichts an. Und plötzlich taucht die Kutsche auf. Der Zar kommt mit aller Pracht gefahren. Der Abt begrüßt ihn mit dem Kreuz. „Nun, wie steht’s, Pater Abt”, fragt ihn der Zar, „hast du herausbekommen, was ich euch aufgegeben habe?” – „Weiß nicht recht”, sagt der Trunkenbold.
Er setzte den Zaren in einen Sessel, bringt selber ein paar Lagen Papier und hält sie dem Zaren hin. „Ihr könnt’s Euch ansehen, Eure Kaiserliche Majestät!” Der Zar wühlt in dem Papier herum. „Was hast du denn hier alles zusammengeschwindelt, Pater Abt?” – „Aber, Eure Kaiserliche Majestät, woran habt Ihr denn gemerkt, daß ich hier geschwindelt habe?” – „Natürlich hast du geschwindelt! Nur Zahlen und nochmals Zahlen und nichts weiter!” – „Ja, die Summe hab ich Euch nicht sagen können, wieviele Millionen oder Legionen es dort gibt. Ich habe sie Euch zusammengestellt, aber wenn Ihr’s nicht glaubt, könnt Ihr selber nachprüfen!” Den Zaren kam das Lachen an, wer kann denn die Sterne am Himmel nachprüfen? „Es stimmt”, sagt er, „die Teile sind richtig. Ihr habt sie gezählt! Nun, und wie ist’s mit der zweiten Aufgabe? Habt Ihr herausbekommen, ob das Jenseits weiter oder der Himmel höher ist?” – „Das habe ich schon gewußt!” – „Nun und?” – „Am Himmel höre ich es immer bumsen und krachen, aber bis zum Jenseits muß es weit sein. Mein Vater ist schon vor fünfundzwanzig Jahren nach dem Jenseits abgefahren und ist bis heute noch nicht dort. Also ist das Jenseits viel weiter!” – „Das gilt aber nicht”, sagt der Zar, „das muß man doch alles wirklich wissen!” – „Stellt es nur selber fest, vielleicht glaubt Ihr mir dann”, sagt der Pater Abt.
Dem Zaren machte auch das Spaß – er hatte eine richtige Erklärung gefunden. „Nun, wie steht’s jetzt mit der dritten Aufgabe: habt Ihr mich geschätzt?” – „Ja, Eure Kaiserliche Majestät, Ihr seid neunundzwanzig Rubel wert!” – „Was heißt das, was fällt dir ein? Auf welche Weise hast du mich so geschätzt? Wo doch ein einfacher Tagelöhner dreißig Rubel im Monat bekommt!” -„Sehr einfach”, sagt dieser Abt. „Nun, und wie beweist Ihr’s?” – „Unser himmlischer Herr ist für dreißig Silberlinge verkauft worden. Ihr aber seid ein irdischer Herr – um einen Rubel müßt ihr billiger sein!”
Der Zar lachte und sagte nichts. „Jetzt ratet einmal, was ich im stillen denke?” fragt der Zar. „Auch das habe ich erraten!” – „Und was?” – „Ihr denkt: ist doch ein tüchtiger Kerl, der Abt des Klosters! Und da habt Ihr Euch geirrt!” – „Wie das?” – „Dieser tüchtige Kerl – das ist nicht der Abt, sondern ein Trunkenbold aus Wirtshaus und Schenke!”
Nanu? Es gab Fragen und Verhöre. Nun, und man bekam heraus, daß der Abt selber nichts gemacht hatte, sondern erklärt hatte alles der Trunkenbold in Abtskleidern. Da wurde der Trunkenbold als Klosterabt belassen, der Abt aber wurde fortgeschickt in die Wirtshäuser und Schenken.

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