Das unsterbliche Lied

An der Straße, die von Stschorssy über Negnewitschi
nach Nowogrudok führt, auf der Hälfte des
Weges zwischen Negnewitschi und Nowogrudok,
steht ein moosbewachsenes, windschiefes Kreuz.
Es steht dort als stummer Zeuge vergangener
Zeiten. Die Jahre gehen vorüber, Leben verlöschen,
das Kreuz aber steht, immer wieder von
anderen Händen aufgerichtet, als wollte es den
Menschen das erzählen, was nur noch im Gedächtnis
der alten Leute lebt. Manchmal singt ein
Bettelsänger, wie man ihn heute nur noch selten
antrifft, ein Märchenlied aus vergangenen Zeiten:
Dort, wo die Wolowka in den Njemen mündet,
drei Werst von der Mündung oberhalb der Wolowka,
stand einmal vor langen Zeiten ein Kloster auf
einem Hügel. Jetzt befindet sich an dieser Stelle
das große Dorf Lawruschowo, und an der Stelle,
an der das Kloster stand, wurde eine Kirche für
die Rechtgläubigen gebaut. Der Ort war damals
noch sehr klein. Er bestand aus fünf, sechs verräucherten
Hütten. Eine halbe Werst nördlich des
Dorfes stand eine einsame, von einem Flechtzaun
umgebene Hütte. Ringsherum erstreckte sich endloser
Wald. In den Niederungen standen Birken
und Erlen und auf den Hügeln Tannen und Nadelbäume. Östlich des Njemen aber gab es undurchdringliche
Wälder.
In dieser entlegenen Hütte lebte eine Witwe mit
ihren Kindern. Sie hatte neun Söhne, stark wie die
Eichen in den Wäldern am Njemen. Außer diesen
gutgewachsenen, starken Söhnen hatte die alte
Frau eine hübsche Tochter. Die Mutter hatte sehr
viele Freude an dem Anblick ihrer Söhne, die so
stark wie Eichen waren. Der jüngste war gerade
sechzehn Jahre alt geworden, aber er trug das
Beil schon im Gürtel, spuckte in die Hände und
zog allein auf die Bärenjagd. Als der Abend kam
und der Sohn noch nicht zurück war, wurde die
Mutter unruhig. Die Brüder aber lachten nur. „Hab
keine Angst, Mutter!“ sagten sie. „Wenn unserem
Mischa der Jagdspieß entzweigeht, bringt er den
Bären lebendig nach Hause.“
Die Brüder rodeten ein Stück Wald und säten
Getreide, die Halme standen wie Pfähle, dicht,
hoch und ährenreich. Mit jedem Jahr wurde die
Stelle größer, die sie gerodet hatten, immer mehr
Getreide ernteten sie, und immer besser wurde
das Leben in der Hütte. Da beschlossen die Brüder,
eine neue Hütte zu bauen. Holz gab es genug,
denn der Wald war ja nah. Auf ihren Schultern
brachten sie das Holz aus dem Wald, und in
vier Wochen stand anstelle der alten Hütte ein
neues Haus, das nach Teer roch. Ein zugereister
Kaufmann lehrte die Brüder, wie man einen Ofen
aufstellt und einen Rauchabzug anbringt.
Die Mutter hatte sehr viel Freude an dem Anblick
ihrer Söhne, aber sie freute sich auch über ihr Töchterchen. Zwölf Jahre war Marusja schon
alt. Sie war schlank und groß wie eine Pappel,
hatte einen blonden Zopf und ganz blaue Augen
wie Kornblumen. Im Frühjahr ging Marusja zum
Dorfrand, dort warteten schon drei, vier Freundinnen
auf sie.
Irgendwo in der Ferne, hinter dem dunklen
Wald, ging die Sonne unter und schien alles mit
Gold zu übergießen. Vom Süden kam schon warmer
Wind.
„Lauf fort, Winter, lauf fort, du böser!
Erwache Weide und grüne!
Erwache Weide und grüne!
Und du Mädchen, besinne dich…“
erklang Marusjas Stimme, ihre Freundinnen fielen
mit ein, und silbern stieg das Frühlingslied zum
Himmel hinauf.
Die Brüder liebten ihr Schwesterchen Marusja.
So wuchs sie heran und war den Brüdern Glück
und Freude.
Als die Brüder an einem warmen Sommertag
mittags vom Feld zurückkamen, sahen sie auf einem
Erdhaufen vor der Hütte einen grauhaarigen
alten Mann sitzen. Auf den Knien hatte er eine
Gusli, deren Saiten er mit seinen dürren Fingern
zupfte. Gelblich graue Haare bedeckten den Kragen
seines weißen Bauernkittels. Die Brüder verneigten
sich tief vor dem Alten und sagten nach
alter Gewohnheit: „Gelobt sei Jesus Christus!“
Die Mutter und die Schwester waren nicht zu
Hause. Der jüngste Bruder breitete ein Tischtuch
über den Tisch, legte ein Brot hin und ein Messer,
stellte einen Krug Milch und einen Becher auf den
Tisch, und wieder verneigten sich die Brüder tief
und sagten: „Wir bitten dich, Großväterchen, teile
Brot und Salz mit uns und ruhe dich aus!“
„Ich danke euch, meine Kinder, ich danke euch,
ihr Falken!“ antwortete der Alte. „Möge Gott euch
und allen euren Angehörigen Gesundheit geben.“
Als sich der alte Mann etwas gestärkt hatte,
fragten ihn die Brüder, woher er komme, wo
überall er gewesen sei und wohin er ginge.
Da sagte der Alte: „Ich komme aus Neswish1,
wandere mit meiner Gusli durch die Welt und verdiene
mir mit Singen mein Brot. Ich wandere Tag
und Nacht. Die Beine wollen mir schon nicht mehr
dienen, und die Augen wollen Gottes Welt auch
nicht mehr sehen, doch bis zu meinem Grabe
werde ich schon noch kommen.“ Der Alte verstummte
und ließ den Kopf hängen.
Die Brüder standen im Halbkreis um ihn herum
und sahen ihn an.
Da fragte der Älteste: „Sag, Großväterchen, wo
bist du geboren?“
„Wo ich geboren bin? Dort, lieber Falke, wo der
Himmel noch blauer ist als hier und wo die Sonne
noch heller scheint. Ich bin aus der Gegend von
Konatop in der Ukraine. Schon lange wandere ich
durch die Welt und singe meine Lieder. Ob die
anderen es wollen oder nicht, ich singe von der
Wahrheit und von der Lüge, singe von Freud und
Leid. Doch gibt es auf der Welt mehr Leid als
Freude…“
Der Alte schwieg ein Weilchen und fuhr dann
fort: „Nun war ich also in Neswish. Man hat mich
in das Fürstenschloß gerufen und mir befohlen,
auf der Gusli zu spielen. Gusli und Lied gehorchen
mir. Wenn ich will, klingt das Lied wie Nachtigallenschlag
in den Zweigen, wie das Lachen eines
glücklichen Mädchens und ergießt sich wie warmes
Sonnenlicht über die weiten Steppen. Aber es
kann auch ein bitteres Lachen sein, das mit Krallen
nach den Herzen greift. Das Lied und die Gusli
gehorchen mir.“
Die Brüder standen mit gesenkten Köpfen da
und lauschten dem wunderlichen Alten.
Da strichen die dünnen Finger des Alten über
die Saiten, die Gusli erklang, und es schien den
Brüdern, als sähen sie ein Bild aus vergangenen
Zeiten:
Ein Morgen im Frühling. Weit in der Ferne, hinter
den Wäldern am Njemen, zeigte sich die Sonne
und warf Händevoll Gold auf das Waldstück,
das sie gerodet hatten. Wie ein Diamantenfeld
glitzerte die Wiese, die sich hinter dem Zaun ihres
Hauses nach Westen erstreckte, dorthin, wo die
anderen Siedler lebten und sich über diesen klaren
Frühlingstag freuten. Die Hände der Brüder
schmerzten nicht mehr, und es machte ihnen nichts mehr aus, daß sie schon vor Sonnenaufgang
fünfunddreißig riesige Eichen auf ihrem Rodeplatz
geschlagen hatten. Es schien ihnen, als
sähen sie zwischen den Baumstümpfen ihr fünfjähriges
Schwesterchen herumlaufen. Sie sah
nach der Sonne, auf dem Köpfchen hatte sie einen
Kranz aus Blumen, und das weiße Hemd aus Hanf
wurde in der Taille von einem Sternengürtel zusammengehalten.
„Brüderchen, kommt frühstücken!“ Sie lief herbei
und sprang fröhlich lachend dem ältesten Bruder
auf die Knie. Seine schwieligen Hände strichen
zärtlich über das Köpfchen des Mädchens.
Jahre waren seit diesem Frühlingsmorgen vergangen,
Jahre schwerer, anstrengender Arbeit.
Die Gusli sang und sang. Die Augen des Mädchens
strahlten in wundervollem Blau.
Die Gusli erzählte dann, daß es auf der Welt
unendlich viel Leid gibt, daß unzählige Tränen auf
der Welt vergossen wurden und noch vergossen
werden. Aber sie sagte auch, daß die Zeit kommen
würde, in der ein mächtiger Mensch geboren
wird, der alle diese Tränen an einer Stelle zusammenträgt
und jene darin ertränkt, die die Tränen
verursachten. Durch die Trauer vieler Jahre
hindurch zeichnet sich diese Zeit ab, aber man
darf nicht mit den Händen im Schoß auf sie warten,
sondern muß arbeiten, muß dazu beitragen,
daß sie schneller kommt. Die Spinnen, die im Schloß Neswish sitzen und Menschenblut trinken,
sollen wissen, daß die Wahrheit auf der Welt nicht
untergegangen ist und daß es Menschen gibt, die
dafür einstehen.
Voller Zorn ertönten die Saiten der Gusli, als sie
von dem fernen, fernen hellen Tag sprach, der
kommen wird.
Dann verstummte die Gusli. Nein, sie verstummte
nicht. Oder war es nur das Rauschen des
Grases in der Steppe, der Nordwind, der über die
Frühlingsblumen wehte? Oder weinte eine Mutter
leise über das Schicksal ihres Sohnes? Nein, die
Gusli ist es, die über das Schicksal des alten Mannes
weint. Der Alte wird nicht mehr in seine Heimat
zurückkehren. Er wird unterwegs irgendwo
sterben, und es wird nicht einmal jemand da sein,
der ihm die Augen zudrücken kann. Mit ihm werden
auch seine Lieder sterben.
Nein, seine Lieder werden nicht sterben! Sie
sind unsterblich, weil sie den Menschen den Weg
zum Glück und zu einem besseren Leben gewiesen
haben.
Viele Menschen hat das Lied des Alten aufgerufen,
für die Freiheit und Wahrheit zu kämpfen.
Auch die neun Brüder verließen ihre liebe Mutter,
ihr liebes Schwesterchen, ihr Heim und ihren mit
viel Liebe und Mühe erarbeiteten Besitz. Sie verließen
alles und zogen dem Liede nach. Das Lied
ist eine große Kraft. Das Lied, daß die neun Rekkenbrüder
auf den dornigen Weg geführt hat, stirbt nicht.
Die Brüder kämpften, es brannten die Güter der
Herren, und die Feuersäulen waren die Rache für
die Beleidigungen, die das Volk erlitten hatte. Sogar
der Fürst Radziwill in Neswish zitterte, als er
sein Schloß brennen sah.
Und der alte Guslispieler?
Auf halbem Wege zwischen Negnewitschi und Nowogrudok steht ein Kreuz…
Mitleidige Hände haben sich gefunden, die dem
alten Guslispieler die Augen zugedrückt haben.

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