Das Stierkalb aus Pech

Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die waren sehr arm und hatten nichts in ihrer Hütte. Sie besaßen nur einen Hahn und eine Henne.
Eines Tages hatten sie gar nichts mehr zu essen. Sie mußten also den Hahn oder die Henne schlachten. Da sagte die Alte: „Schlachte die Henne!“
Die Alte liebte ihren Mann sehr, und ihr Mann liebte den Hahn. Da sagte der Alte: „Nein, ich schlachte den Hahn!“
Er begann das Messer zu wetzen. Er wetzte und wetzte, der Hahn hörte es und sagte zu ihm: „Warum wetzt du das Messer, Großväterchen?“
„Ich muß dich schlachten, denn wir, meine Frau und ich, haben nichts zu essen.“
Da bat der Hahn den alten Mann, ihn nicht zu schlachten. Er sagte: „Ich gebe dir einen guten Rat, wie ihr etwas zu essen bekommen könnt.“
Dem Alten tat es leid um den Hahn, und er fragte ihn: „Was soll ich denn machen?“
„Nimm Pech, Großväterchen, forme daraus ein Stierkalb und stell es im Garten auf!“
Der Alte hörte auf den Hahn und formte ein Stierkalb aus Pech. Er wartete einen Tag und noch einen zweiten, hatte aber immer noch nichts zu essen. Da wollte er wieder das Messer wetzen, um den Hahn zu schlachten. Der Hahn aber sagte zu ihm, daß er warten solle. Wie viele Tage nun noch vergingen, weiß ich nicht. Der Alte lag auf dem Ofen und hörte plötzlich ein Gebrüll. Im Garten brüllte jemand ganz fürchterlich. Da stieg der Alte vom Ofen und lief in den Garten. Dort sah er ei-nen Bären, dessen Tatzen an dem Stierkalb aus Pech klebengeblieben waren.
„Wie kommst denn du hierher?“ fragte der Alte den Bären.
„Laß mich laufen, Großväterchen, ich werde es dir lohnen! Ich wollte etwas fressen und bin klebengeblieben“, sagte der Bär.
„Daß dich die Wölfe holen! Du hast mein Kalb beschädigt. Geh dahin, wo du hergekommen bist!“ sagte der Alte und befreite den Bären.
Als nun der Alte das Kalb wieder in Ordnung gebracht hatte und auf den Ofen steigen wollte, hörte er im Garten einen Wolf jämmerlich heulen.
Der Alte ging hinaus .und sah, daß ein Wolf am Pech klebte. Er fragte ihn, wie er dorthin gekommen sei.
„Ich wollte etwas fressen und bin klebengeblieben“, sagte der Wolf. Er bat den Alten, ihn freizu-lassen. Da sagte der Alte zu dem Wolf: „Nein, ich lasse dich nicht fort!“
Er nahm ihn mit und sperrte ihn in den Keller. Kaum hatte er den Keller zugeschlossen, da sah er, daß ein Fuchs klebengeblieben war. Er brachte ihn zu dem Wolf in den Keller. Jetzt reicht es, dachte der Alte bei sich, ich schlachte den Wolf und den Fuchs, mache einen schönen Pelz und bringe ihn auf den Markt. Dann kaufe ich für mich und meine Alte etwas zu essen.
Als er in den Keller gehen wollte, hörte er jemanden bei dem Kalb aus Pech schreien. Er ging hin und sah, daß ein grauer Hase klebengeblieben war. Da nahm er ihn und brachte ihn in den Keller. Dann ging er das Messer wetzen. Din, din, din machte das Messer. Das

rten die Tiere. Da fragte der Wolf: „Warum wetzt du das Messer, Großväterchen?“
„Ich will dich schlachten und einen Pelz aus deinem Fell machen!“
Da bat der Wolf den Großvater, ihn wieder freizulassen. Er bat so lange, bis der Alte ihn schließlich laufen ließ.
Aber ich habe ganz vergessen, liebe Mädchen, euch zu sagen, daß der Wolf dem Alten versprach, es ihm zu lohnen.
Nun begann der Alte wieder das Messer zu wetzen.
Da fragte ihn der Fuchs: „Wen willst du schlachten, Großväterchen?“
Da sagte der Alte: „Ich schlachte dich und ma-che aus deinem Fell einen schönen Kragen.“
„Schlachte mich nicht, Großväterchen, ich werde es dir lohnen!“ sagte der Fuchs.
Da ließ ihn der Alte frei.
So blieb also nur noch der graue Hase übrig. Auch er bat den Alten, ihn freizulassen. Und auch er versprach ihm, es ihm zu lohnen. Da ließ der Alte ihn frei. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergan-gen war, liebe Mädchen. Eines Tages klopfte je-mand ans Tor. Der Alte stieg vom Ofen und öffnete das Tor. Draußen stand der Bär und hatte so viele Pferde und Kühe mitgebracht, daß man sie gar nicht zählen konnte.
Der Alte bedankte sich bei ihm und begann nun mit seiner Frau ein gutes Leben. Aber trotzdem dachte er: „Die anderen Tiere haben mich anscheinend doch betrogen.“
Eines Tages hörte der Alte wieder jemanden an das Tor klopfen. Er öffnete es und erblickte den Wolf. Der hatte ihm so viele Widder und Schafe gebracht, daß man sie gar nicht zählen konnte. Der Alte bedankte sich bei ihm und konnte nun mit seiner Frau noch besser leben.
Wieviel Zeit seitdem nun noch verging, weiß ich nicht, ich weiß nur, meine lieben Mädchen, daß wieder einmal jemand ans Tor klopfte. Der Alte öffnete das Tor und erblickte den Fuchs, und bei ihm waren so viele Hühner und Enten, daß man sie nicht zählen konnte.
Nun gut, der Alte bedankte sich auch bei dem Fuchs und führte mit seiner Alten ein gutes Leben.
Nur der graue Hase wußte nicht, wie er dem Alten danken sollte. Er überlegte und überlegte, bis ihm schließlich etwas einfiel. Wenn er auch nur wenig Verstand hatte, fiel ihm doch etwas ein.
Er lief auf die Chaussee und sah ein Fuhrwerk, auf dem Mädchen saßen, eines immer schöner als das andere. Als sie den Hasen erblickten, machten sie gleich Jagd auf ihn. Er aber lief gar nicht fort. Die Mädchen fingen ihn und nahmen ihn nach Hause mit. Das war am Nikolaustag, meine lieben Mädchen. Sie hängten dem Hasen Halsketten um und schmückten ihn mit Korallen und Bändern.
Der Hase saß friedlich da und rührte sich nicht, aber als jemand die Tür öffnete, da machte er hops und war fort. So kam er zu dem Alten, gab ihm die Halsketten, die Bänder und die Korallen und lief wieder in den Wald.
Der Alte aber lebte mit seiner Frau glücklich und zufrieden, und sie hatten keine Not. Sie lebten besser als die anderen im Dorf. Sie beteten zu Gott, und Gott schickte ihnen einen Sohn, der hat mir dieses Märchen erzählt.

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