Das Ringlein

Es lebte einmal ein reicher Kaufmann, der hatte eine Frau und einen Sohn von vierzehn Jahren. Der Sohn trieb keinen Handel, sondern ging nur in der Stadt spazieren. Seine Mutter sagte zu ihm: „Du bist nun genug spazierengegangen, Sohn, es wird Zeit, daß du Handel treibst!“
„Mütterchen, wer kann denn ohne Geld Handel treiben?“
Sie gab ihm hundert Rubel.
Er ging durch die Stadt, fand aber keine Ware. Als er aus der Stadt heraus war, sah er, wie ein alter Hund vorbeigeführt und mit Stöcken geschlagen wurde. „Warum schlagt ihr ihn?“
„Er ist alt geworden und bellt nicht mehr, darum wollen wir ihn aufhängen.“
„Burschen, gebt ihn mir!“
„Was gibst du uns dafür?“
„Hundert Rubel!“
„Na, dann nimm ihn!“
Er brachte den Hund nach Hause, machte ihm im Speicher ein Bett zurecht, fütterte ihn mit Fleisch und gab ihm Milch zu trinken. Die Mutter sagte zu ihm: „Was spielst du herum? Warum treibst du keinen Handel?“
„Mütterchen, wer kann denn ohne Geld Handel treiben?“
Die Mutter gab ihm noch hundert Rubel.
Der Sohn ging in der Stadt umher, fand aber keine Ware. Als er aus der Stadt heraus war, sah er, wie ein alter Kater vorbeigeführt und mit Stökken geschlagen wurde. „Burschen, warum schlagt ihr ihn?“
„Er ist alt geworden, fängt keine Mäuse mehr und treibt nur Schabernack, darum wollen wir ihn aufhängen.“
„Burschen, gebt ihn mir!“
„Was gibst du uns dafür?“
„Hundert Rubel!“
„Na, gib her!“
Er nahm den Kater, brachte ihn im Speicher auf einem Regal unter, fütterte ihn mit Fleisch und gab ihm Milch zu trinken. Seine Mutter sagte zu ihm: „Söhnchen, warum treibst du keinen Handel?“
„Mütterchen, wer kann denn ohne Geld Handel treiben?“
Da gab sie ihm noch einmal hundert Rubel.
Er ging durch die Stadt, fand aber keine Ware. Als er aus der Stadt heraus war, sah er, daß sich am Flüßchen eine Menge Menschen versammelt hatte und auf irgend etwas einschlug. Er ging näher und fragte: „Burschen, was macht ihr hier?“
„Sieh her, wir erschlagen eine Schlange!“
Er sagte: „Brüder, gebt sie mir!“
„Und was gibst du uns dafür?“
„Hundert Rubel!“
Er nahm die Schlange, brachte sie nach Hause, streute Daunen in einen Korb, legte sie hinein und fütterte sie. Die Mutter sagte zu ihm: „Söhnchen, warum treibst du keinen Handel?“
„Ach Mütterchen, wer kann denn ohne Geld Handel treiben?“
„Söhnchen, ich habe dir schon dreihundert Rubel gegeben. Zeige mir deine Waren!“
Er führte sie in den Speicher und sagte: „Mütterchen, hier ist ein Hund für hundert Rubel.“
„Na, es ist gut.“
„Und hier ist ein Kater, auch für hundert Rubel.“
„Na, es ist gut.“
„Und hier ist eine Schlange für hundert Rubel.“
„Ach du Hundesohn! Die Schlange ist doch der größte Bösewicht, bring sie dorthin, wo du sie hergeholt hast, sonst laß dich nicht wieder zu Hause sehen!“
Er nahm die Schlange, band sie in ein kleines Tuch, brachte sie an die Stelle, wo er sie herge-holt hatte, und schlug das Tuch mit ganzer Kraft gegen die Erde. Da verwandelte sich die Schlange in eine Zarentochter und sagte: „Ich danke dir, Iwan Iwanowitsch, daß du mich von dem Bösewicht losgekauft hast, setz dich auf meinen Rük-ken, und wir wollen in mein Zarenreich fliegen und meinen Vater besuchen!“
Er setzte sich auf ihren Rücken, und sie flogen über zwölf Meere. Dort stand ein Haus, ganz aus Gold. Sie ließ ihn ins Dünengras nieder und sagte: „So, mein Lieber, bleib hier liegen. Wenn sich mein Vater über mich freut, so schicke ich dir eine goldene Kutsche. Wenn er sich aber nicht freut, so bringe ich dich wieder aus seinem Zarenreich hin-aus.“
Sie kam zu ihrem Vater: „Sei gegrüßt, mein Väterchen!“
Er umarmte seine Tochter, konnte aber vor Freude nicht von seinem Stuhl hochkommen. „Sei gegrüßt, meine Tochter, ich dachte schon, du wärst nicht mehr auf der Welt.“
„Ja, mein Väterchen, ich wäre nicht mehr auf der Welt, wenn mich nicht Iwan Iwanowitsch, der Kaufmannssohn, erlöst hätte.“
„Ach, meine liebe Tochter, warum hast du ihn nicht hergebracht? Ich würde ihn belohnen.“
„Väterchen, er ist hier, am Meer im Dünengras.“
Man spannte sofort sechs Pferde vor eine goldene Kutsche, um ihn zu holen. Er wurde zum Zarenpalast gebracht und direkt zum Zaren geführt. Der Zar bewirtete ihn. Iwan Iwanowitsch blieb drei Tage bei ihm zu Besuch. Die Zarentochter sagte zu ihm: „Mein Vater wird dir Gold und Silber und die Hälfte des Zarenreiches anbieten. Nimm aber nichts an, sondern bitte ihn nur um das Ringlein an seiner rechten Hand.“
Der Zar ließ ihn rufen und sprach: „Du kannst haben, was du willst, mir ist nichts zu schade.“
„Ach, Zar, mir gefällt alles, aber am meisten gefällt mir Euer Ringlein an der rechten Hand.“
„Wozu willst du ein Ringlein, das nur schön anzuschauen ist, mein Lieber?“
„Aber etwas anderes will ich nicht. Laßt mich nur wieder nach Hause bringen.“
„Na, wenn das so ist, da hast du das Ringlein!“ Und damit gab es ihm der Zar.
Dann wurden die Pferde vor die goldene Kutsche gespannt, und man brachte ihn wieder zu den Dünen. Die Zarentochter nahm ihn auf den Rücken und brachte ihn an die Stelle zurück, von wo er die Schlange geholt hatte. Sie setzte ihn ab und sagte: „Wenn du etwas brauchst, so wirf nur das Ringlein von einer Hand in die andere, und du bekommst alles.“
Er kam nach Hause und sagte: „Mütterchen, ich habe in fremden Ländern gelernt, Handel zu treiben. Gib mir jetzt deinen Segen, denn ich will hei-raten!“
„Ich segne dich, mein Söhnchen. Suche dir eine Frau nach deinem Geschmack aus!“
„Mütterchen, ich habe schon eine Braut gefunden.“
„Was für eine?“
„Mütterchen, ich nehme eine Zarentochter!“
„Ach mein Sohn, das kann doch nicht sein. Wir sind arme Leute und wollen um eine Zarentochter freien?“
„Geh schon, Mütterchen, geh!“
Sie kam zu dem Palast und sagte zu dem Wachtposten: „Sei gegrüßt, Bursche!“
„Sei gegrüßt, Mütterchen! Wohin gehst du?“
„Ich gehe zum Zaren als Brautwerberin.“
„Na, dann geh nur!“
„Seid gegrüßt, Eure Zarenmajestät!“
„Sei gegrüßt, Großmütterchen, was hast du uns zu sagen?“
„Ich bin gekommen, um für meinen Sohn, Iwan Iwanowitsch, die Hand Eurer Tochter zu erbitten. Er ist ein guter Junge und hat in fremden Städten gelernt, Handel zu treiben.“
„Schon gut, dein Sohn soll einen Marmorpalast bauen, der schöner ist als mein eigener! Schafft er das, soll er mein Schwiegersohn werden. Wenn nicht, schlage ich ihm den Kopf ab.“
Sie kam zu ihrem Sohn und sagte: „Ach mein Sohn! Du verkürzt mein Leben. Der Zar hat befohlen, einen Palast zu bauen, der schöner ist als sein Palast. Kannst du es nicht, wird er dir den Kopf abschlagen.“
„Mütterchen, leg dich schlafen! Guter Rat kommt über Nacht.“
Die alte Frau legte sich schlafen; er aber ging um Mitternacht auf die Haustreppe hinaus und warf das Ringlein von einer Hand in die andere. Da erschienen zwölf Recken. „Was wünscht Ihr?“
„Ich wünsche, daß bis morgen früh ein Marmorpalast fertig ist, der schöner ist als der des Zaren.“
Er hatte es kaum gesagt, als der Palast schon fertig war.
Am Morgen sagte er: „Mütterchen, nun geh um die Zarentochter freien!…“
Sie kam zum Zaren: „Eure Majestät, ich bin als Brautwerberin gekommen!“
„Schon gut! Wenn dein Sohn so klug und weise ist, dann soll er eine Brücke bauen, aus goldenen Bohlen und aus silbernen Bohlen, dann will ich ihm meine Tochter zur Frau geben.“
Sie kam nach Hause und erzählte ihrem Sohn, was der Zar befohlen hat.
„Leg dich schlafen, Mütterchen! Guter Rat kommt über Nacht.“
Als seine Mutter sich schlafen gelegt hatte, ging er auf die Haustreppe hinaus und warf das Ringlein von einer Hand in die andere. Da erschienen zwölf Recken. „Was wünscht Ihr?“
„Ich wünsche, daß bis morgen früh eine silber-ne Brücke von meinem Hof bis zum Zarenschloß gebaut wird.“
Er hatte es kaum gesagt, da war die Brücke schon fertig.
Als der Zar aufstand, sah er, daß die Brücke fertig war und derartig glänzte, daß der Glanz bis an den Himmel zu sehen war.
Am Morgen ging die alte Frau wieder zur Braut-werbung. „Eure Majestät, ich bin wieder als Brautwerberin gekommen.“
„Schon gut, Großmütterchen. Er wird mein Schwiegersohn werden. Stehen aber morgen früh neben der Brücke keine silbernen Bäume und schafft er keine Paradiesvögel her, die Engelslie-der singen, so schlage ich ihm den Kopf ab.“
Sie kam nach Hause und sagte zu ihrem Sohn: „Ach Söhnchen, der Zar hat befohlen, daß neben der Brücke silberne Bäume aufgestellt werden und daß auf diesen Bäumen Paradiesvögel sitzen und Engelslieder singen sollen. Wenn nicht, wird er dir den Kopf abschlagen.“
„Leg dich schlafen, Mütterchen! Guter Rat kommt über Nacht!“
Die alte Frau legte sich schlafen, er aber ging hinaus auf die Haustreppe und warf das Ringlein von einer Hand in die andere. Da erschienen zwölf Recken. „Was wünscht Ihr?“
„Ich wünsche, daß bis morgen früh an der Brücke verschiedene Bäume stehen, goldene und silberne, daß auf diesen Bäumen Paradiesvögel sitzen und Engelslieder singen und daß an der Brücke verschiedene Weine aufgestellt werden.“
Er sagte es, und die Arbeit begann. Als der Zar morgens erwachte, sah er, daß alles, was er verlangt hatte, getan war. Als die alte Frau am näch-sten Tag wieder zur Brautwerbung ging, sagte ihr Sohn: „Wenn er sie nicht herausgibt, dann sage ihm, daß ich sie mir mit Gewalt nehmen werde!“
Sie kam und sagte: „Eure Zarenmajestät, wenn Ihr sie jetzt nicht gebt, so nehmen wir sie mit Gewalt!“
„Nun höre, Alte, ich will meine Tochter geben, wenn dein Sohn bis morgen früh eine Kirche aus Wachs baut mit goldenen Glocken und jungen Popen und Patriarchen. Neben der Kirche soll ein Apfelbaum stehen, der blüht, wenn wir in die Kir-che gehen, und reife Äpfel trägt, wenn wir aus der Kirche herauskommen. Schafft er das, dann gebe ich ihm meine Tochter zur Frau. Schafft er es nicht, dann schlage ich ihm den Kopf ab.“
Die alte Frau kam zu ihrem Sohn und sagte: „Ach, Söhnchen, morgen wird man dir den Kopf abschlagen. Der Zar hat einen Befehl gegeben, den wirst du nicht ausführen können.“
„Sei nicht traurig, Mütterchen! Guter Rat kommt über Nacht. Leg dich jetzt schlafen!“
Die alte Frau legte sich hin und schlief ein; Iwan Iwanowitsch aber ging hinaus auf die Haustreppe und warf das Ringlein von einer Hand in die andere. Da erschienen zwölf Recken. „Was wünscht Ihr?“
„Ich wünsche, daß bis morgen früh eine Kirche aus Wachs gebaut wird, mit goldenen Glocken und jungen Popen und Patriarchen. Neben der Kirche soll ein Apfelbaum stehen, der blüht, wenn wir in die Kirche gehen, und reife Äpfel trägt, wenn wir aus der Kirche herauskommen. Und Kleider will ich, wie sie nicht einmal der Zar hat.“
Er sagte es, und die Arbeit begann. Gegen Morgen war alles fertig. Als der Zar am anderen Mor-gen erwachte, hörte er von irgendwoher Glockengeläut. Er sagte zu seinem Diener: „Wo läutet es?“
„In der neuen Kirche wird geläutet.“
Der Zar ging hinaus, um nachzuschauen, und sah, daß es stimmte.
Um acht Uhr fuhr eine goldene Kutsche vor, man setzte die Zarentochter und den Zaren hinein und fuhr sie in die Kirche. Als sie in die Kirche hi-neingingen, blühte der Apfelbaum, und als sie aus der Kirche herauskamen, da waren die Äpfel schon reif. Da luden sie Lukapjer Zymbaldowitsch zur Hochzeit ein. Er kam in drei Tagen über zwölf Meere angefahren. Sie feierten fünfzehn Tage lang. Dann brachten sie die Braut zum Hofe des Bräutigams. Iwan Iwanowitsch führte die Zarentochter in seinen Palast, und sie feierten in seinem Hause noch drei Tage. Als sie schlafen gehen wollten, gab sie ihrem Adjutanten heimlich einen Zettel und befahl, daß Lukapjer sich bereit-halten sollte. „Wir fahren fort von hier!“
Sie legten sich schlafen. Die Zarentochter streichelte Iwan Iwanowitsch und fragte ihn, wie er das Haus gebaut habe, Er sagte: „Bei allem hat mir das Ringlein geholfen.“
Als er eingeschlafen war, zog sie ihm das Ring-lein von der Hand, lief aus dem Schloß zu Lukap-jer und fuhr mit ihm in sein Zarenreich. Am ande-ren Morgen schickte der Zar den Jungvermählten eine Einladung zum Tee. Die Ordonnanz kam an-gelaufen. „Iwan Iwanowitsch, der Zar bittet Euch mit Eurer Frau und Eurer Mutter zum Tee.“
Iwan Iwanowitsch suchte seine Frau in allen Sälen und rief nach ihr, aber es war keine Spur von ihr zu finden. Da nahm man ihn in Gewahrsam. Der Zar sagte: „Wahrscheinlich hast du meine Tochter umgebracht, weil sie nicht da ist!“ Sie führten ihn auf einen Platz, setzten ihn auf einen Stuhl, errichteten rings um den Stuhl eine Mauer und ließen ihm nur ein kleines Fensterchen, um ihm Speise zu reichen. Er saß dort vielleicht einen Monat, vielleicht auch zehn Wochen. Seine Häuser nahm der Zar an sich, und seine Mutter brachte man in ein Altersheim.
Der Kater und der Hund hatten nichts mehr zu essen. Da sagte der Kater zum Hund: „Überleg einmal, Hund, was Iwan Iwanowitsch für uns be-zahlt hat, wir aber haben nichts für ihn getan.“
„Was könnten wir denn für ihn tun?“
„Was meinst du?“
„Ich weiß, wo die Zarentochter ist.“
„Wo denn?“
„Bei Lukapjer. Laß uns zum Ufer gehen, Hund!“
„Gehen wir!“
Sie kamen zum Ufer und legten sich unter einen Weidenbusch. Der Kater sagte zum Hund: „Hund, du bist stärker als ich, aber meine Augen sind besser als deine. Ich sehe von hier aus Lu-kapjers Reich.“
„Wenn du es siehst, können wir ja hinschwimmen.“
Sie schwammen zu Lukapjers Reich. Anderthalb Monate schwammen sie über das Meer. Sie ka-men in Lukapjers Reich und ruhten sich drei Tage lang im Dünengras aus. Der Kater sagte: „Weißt du was, Hund?“
„Was denn?“
„In diesem Reich gibt es keine Katzen, und die Mäuse haben alles aufgefressen.“ Dann sagte er noch: „Du darfst nicht zum Zarenschloß gehen, Hund, sonst zerreißen dich die Hunde. Ich will dorthin gehen.“
Der Kater ging direkt ins Schloß. Die wunderschöne Marja bemerkte den Kater: „Ach Lukapjer! Da ist ja die Katze jenes Landstreichers. Sie hat ihn im Stich gelassen und ist zu mir gekommen.“
„Na, hol sie schnell in den Palast!“
Die wunderschöne Marja nahm den Kater auf den Arm, begann ihn zu streicheln, und er miaute. Da fütterte man ihn gleich. Der Kater nahm Rind-fleisch und Weißbrot und brachte es dem Hund. „Bleib hier liegen, Hund, bis ich meine Sache erledigt habe!“
Der Kater kam in den Palast gelaufen und sah Lukapjer mit der Zarentochter beim Mittagessen und um sie herum Mäuse und Ratten. Keine einzi-ge Katze war da. Sofort begann der Kater die Mäuse zu jagen, und in fünf Stunden hatte er fünf Fuhren voll gefangen. Man setzte ihn über Nacht in den Speicher, und bis zum Morgen hatte er un-gefähr zwanzig Fuhren zusammengejagt.
Da wurde dem Kater eine große Ehre zuteil: Man setzte ihn an den Tisch und gab ihm Rindfleisch. Er aber aß nicht viel, sondern brachte alles dem Hund. Er fütterte den Hund gut, und der wurde sehr stark. Einmal saß der Kater auf der Türschwelle und erblickte den Mäusekönig, der hatte goldene Pfoten und Ohren. Der Kater ergriff ihn an den Pfoten und würgte ihn.
„Ach Kater, hab Erbarmen, ich will auch alles tun, was du willst!“
„Wenn du mir meinen Ring nicht herbeischaffst, werde ich euch alle erwürgen!“
„Laß mich los, ich will es für dich tun!“
Der Kater glaubte ihm und ließ ihn frei. Der Mäusekönig ließ alle Mäuse nach dem Ring suchen, aber sie fanden ihn nicht. Da sagte der Kater: „Wenn ihr meinen Ring nicht findet, werde ich euer ganzes Geschlecht vernichten!“
Eine einäugige Maus sagte: „Zwei Augen bringen Streit, ich aber habe eines, und zwar ein scharfes. Ich brauche keinen Streit zu fürchten.“ Diese einäugige Maus lief in das Schlafzimmer der wunderschönen Marja und setzte sich neben die Kerze. Die Zarentochter betete und nahm den Ring in den Mund. Die einäugige Maus lief zum Mäusekönig und berichtete: „Ich habe gesehen, daß sie den Ring in den Mund genommen hat.“
Da versammelten sich alle Mäuse und überleg-ten, wie sie den Ring herausholen könnten.
Da war die Ratte Greifzu mit einem doppelten Schwanz, die sagte: „Niemandem außer mir wird es gelingen, ihr den Ring aus dem Mund heraus-zuholen. Ich werde meinen Schwanz im Klosett naß machen, und wenn die Zarentochter schläft, so fahre ich ihr mit meinem Schwanz über die Lippen; sie wird zu schimpfen beginnen und den Ring ausspucken. Dann können ihn die Mäuse er-greifen.“
Der Mäusekönig befahl den Mäusen, das Schlafzimmer zu bewachen. Sowie die Zarentochter den Ring ausspuckt, sollten sie ihn zum Mäusekönig bringen. Die Ratte machte ihren Schwanz im Klosett naß, und als die Zarentochter sich hingelegt hatte, da zog sie mit ihrem Schwanz über ihre Lippen. Die Zarentochter sprang auf und begann zu schimpfen und spuckte den Ring aus. Die Mäu-se ergriffen ihn und brachten ihn zum Mäusekönig. Der Mäusekönig sagte: „Na, das ist gut für mich und für euch! Jetzt wird uns der Kater in Ru-he lassen.“
Noch vor Morgengrauen brachte der Mäusekönig dem Kater den Ring. „Hier hast du den Ring, Kater! Du hast uns nun genug tyrannisiert.“
„Ich würde euch noch mehr tyrannisieren, muß jetzt aber nach Hause gehen.“
Er kam zum Hund. „Nun laß uns nach Hause ziehen, Hund!“
Der Hund sagte: „Gib mir den Ring!“
Der Kater aber sagte: „Nein, ich gebe ihn dir nicht! Du bist alt, und wenn du hustest, wirst du ihn verlieren. Aber ich habe gute Zähne und wer-de ihn festhalten.“
Der Hund stritt nicht mit dem Kater. So schwammen sie los. Sie schwammen anderthalb Monate, ohne zu trinken und zu essen. Sie schwammen, und als sie einander anschauten, sah der Hund, daß der Kater schon am Unterge-hen war. Er hatte schon ganz trübe Augen, hob den Kopf hoch, bis zum Ufer aber waren, es noch fünfzig Werst. Da wollte der Kater sagen: „Nimm den Ring!“ Er öffnete das Maul und der Ring plumpste ins Wasser. Da stöhnten sie. „Herr, bringe uns wenigstens noch lebend bis ans Ufer!“
Da erhob sich eine Welle und warf sie ans Ufer. Sie ruhten sich drei Tage lang im Dünengras aus. Drei Tage und drei Nächte lang öffneten sie ihre Augen nicht und schliefen nur. Am vierten Tage sagten sie: „Gehen wir zu unserer armen Herrin! Vielleicht füttert sie uns.“
Sie kamen am Mittwoch nach dem Ostersonntag zu ihrer Herrin. Das Altersheim ihrer Herrin war nicht weit vom Friedhof gelegen. Am Dienstag hatte man ihr milde Gaben gebracht, die einen Piroggen, die anderen Hühnerbraten und die dritten Süßigkeiten. Als sie den Kater und den Hund erblickte, sagte sie: „Ach meine Beschützer, ihr wollt doch wahrscheinlich essen?“
Was sie hatte, gab sie ihnen. Sie aßen sich satt und lachten: „Ach, das war ein gutes Essen!“
„Nun wollen wir zum Ufer gehen, Hund!“
Sie kamen zum Meer und legten sich am Ufer unter einem Weidenbusch nieder. Als die Abendröte das Ufer beleuchtete, stieg der Krebs Chabjor mit seinen goldenen Scheren und goldenen Augen aus dem Meer.
„Na Hund, ist das keine günstige Gelegenheit?“
„Ich sehe es. Was sollen wir tun?“
„Geh und ziehe ihn den Hang hinauf!“
Der Hund packte ihn an den Scheren und der Kater am Bart; so zogen sie ihn den Hang hinauf.
„Ach, habt Erbarmen, warum zerrt ihr mich hin-auf?“
„Wir zerren dich hinauf, weil wir an der und der Stelle im Meer einen Ring verloren haben. Wenn du ihn nicht herbeischaffst, zerdrücken wir dich!“
„Laßt mich frei, ich werde ihn euch bringen!“
„Nein, so geht das nicht. Das Meer ist groß, wie leicht kannst du dich davonmachen!“
Da rief er mit Reckenstimme, und alle Krebse versammelten sich. „Was wollt Ihr, Zar?“
„An der und der Stelle haben diese Herren hier einen goldenen Ring verloren. Sucht ihn!“
Die Krebse zogen wie eine dunkle Gewitterwolke los, um den Ring zu suchen. Sie wühlten das ganze Meer auf, aber den Ring fanden sie nicht. Sie suchten mit ihren Scheren. Da war ein Krebs ohne Scheren, der fand den Ring und gab ihn dem Krebszaren, und der Krebszar gab ihn dem Kater. Sie ließen den Krebszaren frei und gingen nach Hause. Sie überlegten, wie sie Iwan Iwanowitsch den Ring überbringen könnten. Da sagte der Ka-ter: „Donnerstag ist das Gefängnis geöffnet, und dann gehen die Kaufleute hin und bringen ihm Almosen. Ich werde hingehen, zu ihm durchschlüpfen und ihm den Ring geben.“
Am Donnerstag ging der Kater zum Gefängnis.
Man öffnete die Türen, und die Kaufleute gingen mit ihren Gaben hinein. Der Kater aber schlüpfte durch die Tür und kroch unter den Ofen. Man jagte ihn von dort weg, aber verprügelte ihn nicht. Als alle Kaufleute das Gefängnis wieder verlassen hatten, kam der Kater unter dem Ofen hervorgekrochen und setzte sich bei Iwan Iwano-witsch auf die Knie. Der streichelte ihn, und der Kater legte ihm den Ring in die Hand. Iwan Iwanowitsch warf den Ring aus einer Hand in die andere, da erschienen zwölf Recken. „Was wünscht Ihr?“
„Ich wünsche, daß das ganze Gefängnis zerstört wird!“
Sie zerstörten es und töteten viele Menschen dabei. Iwan Iwanowitsch kam aus dem Gefängnis heraus und ging zu seinem Marmorpalast. In diesem Palast aber lebte ein Neffe des Zaren.
Als er dorthin kam, sagte er: „Euer Hoch wohl-geboren, erlaubt mir, in meinem Schloß zu über-nachten!“
„Das kannst du!“
Um Mitternacht trat Iwan Iwanowitsch auf die Freitreppe hinaus und warf den Ring aus einer Hand in die andere. Da erschienen die zwölf Rek-ken. „Was wünscht Ihr?“
„Ich wünsche, daß Lukapjers Haus mit meiner Frau, der wunderschönen Marja, und Lukapjer bis morgen hierhergebracht wird!“
Am Morgen sah er, daß das Haus schon da war. Da nahm Iwan Iwanowitsch seinen goldenen Säbel und ging in das Haus. Lukapjer aber schlief. Er erstach ihn mit dem Säbel, und die wunderschöne Marja fiel vor ihm auf die Knie. „Verzeih, mein Lieber, aber an allem ist mein Vater schuld. Er hat mich gezwungen, dich zu betrügen!“
Er verzieh ihr, den Zaren aber jagte er aus dem Schloß in die kahle Steppe. Seine Mutter holte er aus dem Altersheim, behielt den Kater und den Hund bei sich, bis sie starben, und lebte glücklich mit seiner Frau zusammen.

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