Das kluge Mädchen

Es lebten einmal zwei Brüder: der eine arm, der andere angesehen und reich; jeder von beiden hatte ein Pferd: der Arme eine Stute, der Angesehene und Reiche einen Wallach. Einmal hatten sie zur Nacht nebeneinander haltgemacht. Die Stute des Armen warf in der Nacht ein Füllen; das Füllen rollte unter den Wagen des Reichen. Der weckt am Morgen den Armen: „Steh auf, Bruder, mein Wagen hat in der Nacht ein Füllen geboren!” Der Bruder steht auf und sagt: „Wie kann ein Wagen ein Füllen gebären! Das hat meine Stute geworfen!” Der Reiche sagt: „Wenn deine Stute es geworfen hätte, wäre das Füllen bei ihr!” Sie stritten eine Weile und gingen dann zum Gericht; der Angesehene und Reiche besticht die Richter mit Geld, der Arme aber rechtfertigt sich mit Worten.
Die Sache kam bis vor den Zaren. Der ließ die beiden Brüder kommen und gab ihnen vier Rätsel auf: „Was ist am stärksten und schnellsten auf der Welt? Was ist am fettesten auf der Welt? Was am weichsten? Und was am lieblichsten?” Und er gab ihnen drei Tage Zeit: „Kommt am vierten Tag wieder und gebt Antwort!”
Der Reiche überlegte und überlegte, er erinnerte sich seiner Gevatterin und ging zu ihr, sie um Rat zu bitten. Sie setzte ihn an den Tisch, bewirtete ihn und fragt: „Warum so traurig, Gevatterchen?” – „Der Zar hat mir vier Rätsel aufgegeben und nur drei Tage Zeit gelassen.” – „Was ist es denn? Sag mir’s!” – „Folgendes, Gevatterin: das erste Rätsel – was ist am stärksten und schnellsten auf der Welt?” – „Was für ein Rätsel! Mein Mann hat eine braune Stute; nichts ist schneller als die: versetzt du ihr eins mit der Knute, holt sie einen Hasen ein.” – „Das zweite Rätsel, was ist am fettesten?” – „Wir füttern das zweite Jahr einen verschnittenen Eber; der ist so fett geworden, daß er sich nicht mehr auf seine Beine stellen kann!” – „Das dritte Rätsel: was ist am weichsten auf der Welt?” – „Das ist doch klar – ein Daunenbett, etwas Weicheres kann man sich nicht ausdenken!” – „Viertes Rätsel: was ist am lieblichsten auf der Welt?” – „Am lieblichsten ist mein Enkel Iwanuschka!” – „Habe Dank, Gevatterin! Du hast mir gut geraten, ich werde’s mein Lebtag nicht vergessen.”
Der arme Bruder aber vergoß bittere Tränen, ging nach Hause, da begegnet ihm seine siebenjährige Tochter (das war die ganze Familie, daß er die eine Tochter hatte). „Warum seufzt du so, Väterchen, und vergießt Tränen?” – „Wie soll ich nicht seufzen, wie soll ich nicht Tränen vergießen? Der Zar hat mir vier Rätsel aufgegeben, die ich im ganzen Leben nicht herausbekomme.” – „Sag mir, was sind es für Rätsel?” – „Folgende, Töchterchen: Was ist am stärksten und schnellsten auf der ganzen Welt, was am fettesten, was am weichsten und was am lieblichsten?” – „Geh, Väterchen, und sag dem Zaren: Am stärksten und schnellsten ist der Wind; am fettesten die Erde: was auch immer wächst, was auch immer lebt -die Erde nährt’s! Am weichsten ist die Hand: worauf sich der Mensch auch legt, immer legt er seine Hand unter den Kopf; und etwas Lieblicheres als den Schlaf gibt es auf der ganzen Welt nicht!”
Beide Brüder kamen wieder zum Zaren: der reiche und der arme. Der Zar hörte sie an und fragt den Armen: „Bist du selber draufgekommen, oder hat’s dich jemand gelehrt?” Der Arme antwortet: „Eure Kaiserliche Majestät! Ich habe eine siebenjährige Tochter, die hat’s mich gelehrt.” – „Wenn deine Tochter so klug ist, so habe ich hier einen Seidenfaden für sie; sie soll mir bis morgen früh ein gemustertes Handtuch draus weben!” Der Bauer nahm den Seidenfaden und kommt traurig und bekümmert nach Hause: „Wir haben kein Glück!” sagt er zu seiner Tochter, „der Zar hat befohlen, aus diesem Faden ein Handtuch zu weben.” – „Sei nicht traurig, Väterchen”, antwortete die Siebenjährige, brach eine Rute aus dem Besen, gibt sie dem Vater und trägt ihm auf: „Geh zum Zaren und sage, er soll einen Meister finden, der aus dieser Rute einen Webstuhl machen kann: damit man weiß, worauf man das Handtuch weben soll!” Der Bauer meldete dies dem Zar. Der Zar gibt ihm anderthalbhundert Eier: „Gib sie deiner Tochter”, sagt er, „sie soll mir zum Morgen anderthalbhundert Kücken ausbrüten!”
Der Bauer kehrte noch trauriger, noch bekümmerter nach Hause zurück: „Ach, Töchterchen!
Einem Unglück weicht man aus, das andere sitzt einem schon auf dem Nacken!” – „Sei nicht traurig, Väterchen!”, antwortete die Siebenjährige, buk die Eier und hob sie fürs Mittagessen und fürs Abendbrot auf, den Vater aber schickt sie zum Zaren: „Sage ihm, die Kücken brauchen Eintagshirse zum Futter: es muß an einem Tag das Feld gepflügt, die Hirse gesät, geschnitten und gedroschen werden; andere Hirse werden unsere Kük-ken nicht einmal anpicken!” Der Zar hörte zu und sagt: „Wenn deine Tochter so klug ist, soll sie morgen früh selber bei mir erscheinen – nicht zu Fuß und nicht zu Pferd, nicht nackt und nicht angezogen, nicht mit einem Geschenk und doch nicht mit leeren Händen!” – „Nun”, denkt der Bauer, „eine so schwere Aufgabe kann auch meine Tochter nicht lösen; jetzt sind wir ganz verloren!” – „Sei nicht traurig, Väterchen!” sagte die siebenjährige Tochter zu ihm, „geh zu den Jägern und kauf mir einen lebenden Hasen und eine lebende Wachtel.” Der Vater ging und kaufte ihr einen Hasen und eine Wachtel.
Am anderen Morgen warf die Siebenjährige alle ihre Kleider ab, zog sich ein Netz über, nahm die Wachtel in die Hand, setzte sich rittlings auf den Hasen und ritt zum Schloß. Der Zar erwartet sie am Tor. Sie verneigte sich vor dem Zaren: „Da hast du ein Geschenk, Zar!” Und sie hält ihm die Wachtel hin. Der Zar streckte schon die Hand aus: die Wachtel schlug mit den Flügeln – und war davongeflogen! „Schön”, sagt der Zar, „wie ich’s befohlen habe, so hast du’s getan. Sage mir nun: dein Vater ist doch arm, was habt ihr denn da zu essen?” – „Mein Vater tut auf dem Trocknen Fische fangen, er läßt die Reuse nicht ins Wasser hängen, ich trage die Fische im Rocksaum nach Haus, koche Fischsuppe draus!” – „Was redest du da, Närrin! Seit wann leben die Fische auf dem Trocknen? Fische schwimmen im Wasser!” – „Und bist du vielleicht klüger? Wo hat man das gesehen, daß ein Wagen ein Füllen geworfen hat? Nicht der Wagen, die Stute wirft!” Der Zar sprach das Füllen dem armen Bauern zu, seine Tochter aber nahm er zu sich; als die Siebenjährige erwachsen war, heiratete er sie, und sie wurde Zarin.

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