Das goldene Pantöffelchen

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten ein einziges Töchterchen. Die Mutter war eine sehr schöne Frau, jedoch die Tochter versprach noch schöner zu werden. Als das Mädchen halberwachsen war, erkrankte die Mutter auf den Tod. Bevor sie starb, ließ sie die Tochter ans Sterbebett rufen und flüsterte ihr zu:
„Nimm, liebes Töchterchen, dieses Samenkorn hier. Doch sage niemandem, daß du solch ein Körnchen besitzt. Sollte es dir einmal schlecht ergehen, so pflanze es ein, und es wird daraus eine grüne Weide wachsen. Wenn du in Not bist, gehe zu dieser Weide, sie wird dir jeden Wunsch erfüllen.“
Der Mann begrub seine Frau und trauerte sehr lange um sie. Schließlich aber heiratete er wieder und zwar eine Witwe. Diese hatte auch eine Tochter.
Seine zweite Frau liebte nur ihre eigene Tochter. Die Tochter ihres Mannes aber haßte sie und vergönnte ihr keine Ruhe. Des Weibes Tochter war jedoch eine große Faulenzerin. Sie war so faul, daß sie keinen Finger krumm machte. Am liebsten saß sie da, die Hände in den Schoß gelegt. Jenes Mädchen aber war ein fleißiges und gutes Kind. Was man ihm auch zu tun gab, so viel es auch war, es machte alles gern.
Doch es erntete keinen Dank dafür! Die Stiefmutter war mit nichts zufrieden. Wie schön und gut das Mädchen auch alles machte, immer schimpfte und schalt das Weib. Und das war noch lange nicht das Schlimmste. Oft versetzte sie dem Mädchen einen Stoß in den Rücken oder verprügelte es sogar. Vor lauter Arbeit und Prügel kam das Mädchen kaum dazu, den Blick zu erheben, geschweige denn, sich schönzumachen oder seine Hemdchen zu besticken. Die Kleider aber, die ihm noch die Mutter genäht hatte, nahm die Stiefmutter weg und gab sie ihrer eigenen Tochter. Daher war das arme Kind in solche Lumpen gehüllt, daß die Leute es auslachten. Schweigend ertrug das Mädchen all das. Oft weinte es bloß still vor sich hin. Dieses Schweigen aber reizte die böse Stiefmutter, und sie quälte das arme Kind nur noch mehr. Dauernd suchte sie nach einem Anlaß, um das Mädchen zu peinigen.
Da kam die Stifmutter auf einen Gedanken.
„Elende Faulenzerin“, sprach sie zu dem Mädchen, „treibe das Öchslein auf die Weide! Und damit du die Zeit nicht umsonst vergeudest, nimm den Spinnrocken da mit Flachs! Schwinge, raufe, riffle, breche und hechle ihn, hasple, spinne, webe und bleiche ihn und bringe das Leinen nach Haus! Doch wisse: Wirst du nicht fertig, dann wehe dir!“
Das Mädchen nahm den Spinnrocken und den Flachs und trieb das Öchslein auf die Weide. Das Öchslein weidete, doch das Mädchen saß da und weinte: ,Wie in aller Welt soll ich es schaffen, all das an einem Tage fertigzubringen?4 Doch dann entsann es sich: ,Ich habe ja das Körnchen, welches mir mein Mütterchen gegeben hat/
Es grub das Samenkörnchen auf der Wiese ein und begoß es. Alsdann setzte es sich hin und weinte wieder. Es weinte und weinte so lange, bis es einschlief. Als es erwachte – siehe!-, da war aus dem Körnchen eine wunderschöne grüne Weide geworden. Unter der Weide aber stand ein kleines Brünnlein. Das Wasser darin weit kalt und so rein wie Tränen. Das Mädchen ging auf die Weide zu und sprach:
„Grüne, grüne Weide, öffne dich! Hanna ist da.“
Da öffnete sich die Weide, und es schwebten Feen hervor. „Liebe,hebe Hanna, was befiehlst du uns zu tun?“
Das Mädchen sprach:
„Nehmet diesen Spinnrocken und den Flachs, schwinget, raufet, riffelt, brechet und hechelt ihn, haspelt, spinnet, webet ein Leinen daraus und bleichet es!“
„Liebe, liebe Hanna, bald wird es fertig sein!“
Und die Feen verschwanden alle in der Weide.
Das Mädchen hütete das Öchslein bis zum Abend und kam dann wiederum zur Weide:
„Grüne, grüne Weide, öffne dich! Hanna ist da!“
Die Weide öffnete sich, und die Feen brachten ihm ein solch feines Leinen, daß man daraus selbst die schönsten Hemdchen würde nähen können. Das Mädchen nahm das Leinen, trieb das Öchslein nach Hause und gab das Leinen der Stiefmutter. Als diese das Leinen sah, knirschte sie nur mit den Zähnen, doch sagte sie kein Wort.
Bald darauf schickte sie ihre eigene Tochter das Öchslein weiden und sagte zu ihr:
„Hier, liebes Töchterchen, nimm dies Häuflein zum Spinnen fertigen Flachses. Spinnst du es, ist es gut, wenn nicht, dann bringst du es eben wieder mit nach Hause.“
,,Die Tochter trieb das Öchslein auf die Weide, doch das Häuflein Flachs warf sie beiseite. Am Abend kehrte sie mit dem Öchslein nach Hause zurück und sagte:
„Ach, Mütterchen, ich hatte solche Kopfschmerzen, daß ich rein gar nichts tun konnte.“
„Macht nichts, liebes Töchterchen, leg dich nur hin und ruhe dich aus.“
Endlich kam der ersehnte Sonntag. Die Stiefmutter putzte ihre Tochter heraus und schickte sich an, mit ihr zur Kirche zu gehn. Ihrer Stieftochter aber raunzte sie zu:
„Mach ein Feuer an, faule Schlampe! Wenn wir aus der Kirche zurück sind, soll der Herd geheizt, das Mittagessen gekocht, die Stube aufgeräumt und aus diesem Leinen ein Hemd fertig genäht sein! Doch wisse, schaffst du es nicht, dann wehe dir!“
Und sie ging mit ihrer Tochter zur Kirche. Das arme Mädchen aber machte rasch ein Feuer an, bereitete das Mittagessen zu, räumte die Stube auf. Dann leif es auf die Wiese und sprach zur Weide:
„Grüne, grüne Weide, öffne dich! Hanna ist da!“
Die Weide öffnete sich, und es schwebten die Feen hervor. „Liebe, liebe Hanna, was befiehlst du uns zu tun?“
„Ehe meine Stiefmutter aus der Kirche kommt, muß ein Hemd aus diesem Leinen fertig genäht sein. Dann gebt mir bitte auch Sonntagskleider, ich möchte zur Kirche fahren.“
Die Feen beeilten sich, alle seine Wünsche zu erfüllen. Sie zogen ihm wunderschöne Kleider an und steckten seine Füßchen in goldene Pantöffelchen. Darauf keimen aus der Weide Rosse mit einer Prachtkutsche hervor. Das Mädchen stieg in die Kutsche und fuhr zur Kirche.
Als es eintrat, erstrahlte die Kirche. Die Betenden verloren vor Staunen die Sprache und flüsterten: „Wer mag das wohl sein? Eine Fürstin? Eine Königin? Nie sah unser Auge solch eine Schönheit.“
Gerade zu dieser Zeit befand sich auch der junge Fürstensohn in der Kirche. Als er das Mädchen erblickte, konnte er von ihm kein Auge wenden. Am Ende des Gottesdienstes verließ das Mädchen als erste die Kirche, setzte sich in die Karosse und fuhr davon. Als es zur Weide kam, öffnete sich diese; das Mädchen warf die Sonntagskleider ab, zog wieder seine alten Lumpen an und nahm das fertig genähte Hemd entgegen. Die Rosse aber verschwanden mitsamt der Karosse in der Weide, die sich hinter ihnen schloß. Das Mädchen lief nach Hause, setzte sich ans Fenster und wartete, bis die Stiefmutter aus der Kirche kam.
Als diese kam, fragte sie sogleich:
„Nun, ist das Mittagessen fertig?“
„Fertig.“
„Ist das Hemd genäht?“
„Genäht.“
Die, Stiefmutter wunderte sich sehr, allein sie sagte kein Wort dazu und zuckte bloß mit den Schultern.
„Nun wollen wir zu Mittag essen!“
Man setzte sich zu Tisch, nahm das Mittagsmahl ein und sprach von der wunderschönen Jungfrau, die man in der Kirche gesehen hatte: „Ihre Schönheit gleicht der Sonne… Der junge Fürstensohn vergaß das Beten bei ihrem Anblick.“
„Wem sah sie ähnlich?“ fragte das Mädchen. „Ähnelte sie nicht mir?“
Da lachte ihre Stiefschwester höhnisch auf, und die Stiefmutter erboste sich:
„Sieh mal einer diese Schlampe an, diese schmutzige Ofenheizerin! Wem die ähnlich sehen will!“
Und es kam auch der nächste Sonntag heran. Wieder gingen der Vater, die Stiefmutter und ihre Tochter zur Kirche. Dem armen Mädchen befahl das böse Weib, ein Feuer anzumachen und eine Arbeit zu verrichten. Es wurde mit all dem rasch fertig und lief zur Weide:
„Grüne, grüne Weide, öffne dich! Hanna ist da!“
Die Weide öffnete sich, und es schwebten die Feen hervor. „Liebe, liebe Hanna, was befiehlst du uns zu tun?“
Sie sagte es ihnen, zog sich sonntäglich an, steckte die Füßchen in die goldenen Pantöffelchen, bestieg die Prachtkutsche, und flugs ging’s zur Kirche.
Der junge Fürstensohn aber war bereits dort. Bei ihrem Eintreten erstrahtle die Kirche. Wieder staunten die Leute: „O Gott, was für eine Schönheit? Wer mag das bloß sein?“ Niemand wußte es… Der junge Fürstensohn wandte kein Auge von ihr. Als der Gottesdienst zu Ende war, verließ das Mädchen als erste die Kirche. Es kam zur Weide, warf die Sonntagskleider ab, zog seine Lumpen an und ging nach Hause. Dort setzte es sich ans Fenster und wartete auf die Kirchgänger.
Diese kamen, man setzte sich zu Tisch, nahm das Mittagsmahl ein und sprach von jener schönen Jungfrau: „Der junge Fürstensohn ist schön, allein sie ist noch viel schöner als er.“ „Sieht sie mir nicht ähnlich?“ fragte Hanna.
Die Stiefschwester wälzte sich vor Lachen, und das giftige Weib hätte ihre Stieftochter am liebsten dafür verprügelt. Vor lauter Haß wußte sie kaum, was sie ihr antun sollte.
Der junge Fürstensohn stellte indessen Nachforschungen an. Überall erkundigte er sich, wer die wunderschöne Jungfrau sei. Doch niemand wußte es zu sagen. Da beratschlagte man, wie man es erfahren könnte. Ein junger Bauernbursche sprach: „Ich weiß, wie es zu machen ist!“
„Und wie?“ fragte der junge Fürst.
„Man begieße die Stelle, wo sie gewöhnlich in der Kirche steht, mit Pech. Daran werden ihre Pantöffelchen kleben bleiben.“
Und das tat man dann auch. Am dritten Sonntag kam Hanna wieder in die Kirche und ging an ihren gewohnten Platz.
Der Fürstensohn und seine Begleiter wandten kein Auge von ihr. Als der Gottesdienst zu Ende war, wollte sie wieder als erste fort, allein sie konnte die Füße nicht losbekommen. Da zerrte sie mit aller Kraft und riß sich los. Nur eines der Pantöffelchen blieb kleben. Sie lief davon, kleidete sich rasch um, zog wieder ihre alten Lumpen an, ging nach Hause, setzte sich hin und wartete.
Die Kirchgänger kamen nach Hause und begannen wieder zu erzählen.
„Das klebengebliebene Pantöffelchen“, sagten sie, „ist so winzig, daß es keinen Fuß gibt, der hineinpassen könnte.“ „Würde nicht mein Fuß hineinpassen?“ fragte das arme Mädchen.
Da erboste sich die Stiefmutter und begann zusammen mit ihrer Tochter das Mädchen zu beschimpfen:
„Du Schmutzfink, du Ofenheizerin, ständig wälzt du dich in der Asche! Du mit deinen Klotzfüßen, mit wem wagst du dich zu vergleichen!“
Zuguterletzt verprügelte das böse Weib das Mädchen und jagte es aus der Stube.
Währenddessen ließ der junge Fürstensohn überall herumfragen:
„Wer hat ein goldenes Pantöffelchen verloren?“ Aber niemand meldete sich. Was tun? Doch wieder wußte der junge Bauernbursche einen Rat:
„Ich weiß, wie die schöne Jungfrau zu finden wäre.“
„Und wie?“ fragte der junge Fürstensohn. „Laß hören!“ „Man probiere allen Mädchen dies Pantöffelchen an. Auf wessen Fuß es paßt, die muß es sein.“
Und so geschah es auch. Die Bediensteten des Fürsten gingen von Haus zu Haus und ließen die Mädchen das Pantöffelchen anprobieren. Zuerst gingen sie in die Fürstenhäuser, dann in die der Edelleute. Ach, wie sehr wollten die Mädchen, daß das Pantöffelchen auf ihren Fuß passe, wollten sie doch alle des Fürsten Gattin werden! Doch nein! Kein Fuß paßte hinein… Da ging man in die Häuser der Kaufleute. Vergebens. Darauf in die Häuser der Bürgersleute. Umsonst! Nim mußte man in die Bauemhütten gehen. Und die Bediensteten machten sich auf den Weg.
Sie gingen von Hütte zu Hütte und ließen das Pantöffelchen anprobieren. Doch nein, kein Fuß wollte hineinpassen. Sie kamen auch in die Hütte, wo das arme Mädchen und das böse Weib mit ihrer Tochter wohnten. Das Weib sah sie schon von weitem kommen und rief ihrer Tochter zu:
„Wasch rasch die Füßchen, liebes Töchterchen! Sie kommen das Pantöffelchen anprobieren lassen!“
Ihrer Stieftochter aber befahl sie:
„Und du, Schlampe, Schmutzfink, dreckige Ofenheizerin!
Mach schnell, daß du verschwindest! Hinauf mit dir auf den Ofen! Laß dich ja nicht bücken!“
Und sie jagte das Mädchen auf den Ofen hinauf.
Die Bediensteten des Fürsten traten ein und fragten:
„Gibt es Mädchen in eurem Haus?“
„Ach ja, ich habe eine Tochter“, erwiderte das Weib. „Töch- terchen! Töchterchen! Komm rasch her, zeig dein Füßchen, probier das Pantöffelchen an! Ach, ist sie nicht ein goldiges Kind? Was für weiße Füßchen sie hat…“
Und man begann, dem Mädchen das Pantöffelchen anzuprobieren. Doch nein, der Fuß paßte nicht hinein.
„Gib dir ein wenig Mühe, Töchterchen! Zwänge das Füßchen hinein, es wird schon gehen!“
Diese versuchte, den Fuß hineinzuzwängen, allein es ging eben nicht.
Hanna schaute indessen vom Ofen hinunter.
„Was ist denn das für ein Mädchen auf dem Ofen?“ fragte einer der Männer.
Das ist ein Faulpelz, eine Ofenheizerin, eine dreckige Schlampe!“ erwiderte das böse Weib und schnauzte das Mädchen an: „Wer hat dich hervorkriechen geheißen, du ekelhafter Schmutzfink? Es war dir doch befohlen worden, dich nicht zu zeigen!“
„Aber nein, Weib, laßt sie nur herunterkommen. Komm mal zu uns, Mädel!“
Das Mädchen kam herunter, und man probierte ihm das Pantöffelchen an.
Es steckte das Füßchen hinein, und das Pantöffelchen saß wie angegossen.
„Na, Weib“, sprachen die Hofleute, „dieses Mädchen nehmen wir mit.“
„Solch eine Schlampe! Wo in aller Welt geschah es, daß eine Vogelscheuche Fürstin wurde? Das ist unerhört! Ich lasse es nicht zu!“
„Nein, Weib, das Mädchen nehmen wir doch mit!“
Die Stiefmutter aber schrie:
„Da hört sich doch alles auf! Dieser Schmutzfink kommt doch nie aus der Asche und dem Unrat heraus! Noch nie hat sie ein reines Hemd auf dem Leibe gehabt!“
Allein die Bediensteten des Fürsten hörten sie nicht einmal an.
Das Mädchen aber sprach:
„Wartet ein wenig, ich gehe mich herrichten!“ Und es lief auf die Wiese.
„Grüne, grüne Weide, öffne dich! Hanna ist da!“
Die Weide öffnete sich, und die Feen keimen hervorgeschwebt. Das Mädchen zog sich die Sonntagskleider an und kehrte in die Hütte zurück. Die Hütte erstreihlte bei seinem Eintreten. Alle waren starr vor Staunen.
„Nun laßt mich noch“, sprach es, „das. andere Pantöffelchen anziehen…“
Man setzte sich in die prächtige Karosse, und rasch jagten die Rosse davon. Binnen kurzem wurde die Hochzeit gefeiert. Die Weide und das Brünnlein aber verschwanden in der Erde und kamen im Garten des Fürsten wieder zum Vorschein.

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