Das Glück muß man hüten

Ein reicher Mann und ein armer Mann fuhren ein-mal aufs Feld zum Pflügen. Sie pflügten zwei Tage lang. Am dritten Tag fuhr der Arme hinaus und sah, daß bei dem Reichen schon doppelt soviel gepflügt war. In der dritten Nacht ging der Arme aufs Feld, um aufzupassen.
Er dachte bei sich: Da hilft sicherlich jemand dem Reichen.
Er legte sich auf dem Feld in einer Furche auf die Lauer.
Da kam auf einmal ein weißes Pferd mit einem Pflug auf des Reichen Feld, trat in die Furche und pflügte sie um. Als das Pferd dreimal über das Feld gegangen war, ging der Arme zu ihm hin, nahm es am Zügel und fragte: „Halt! Warum pflügst du für den Reichen?“
Da antwortete das Pferd: „Ich bin sein Schick-sal.“
Da sagte der Arme: „Und wo ist meines?“
„Dein Schicksal liegt auf der kleinen Wiese unter einem Busch. Wecke es mit einem Stock, damit es dir hilft!“
Der Arme ging, um den Stock zu holen. Dann lief er auf die kleine Wiese und sah dort sein Schicksal unter einem Busch wie eine Schlange zusammengerollt liegen. Er schlug es mehrmals mit dem Stock. Das Schicksal stand auf und frag-te: „Was willst du?“
Da sagte der Arme: „Warum hilfst du mir nicht? Ich bin ein armer Mann und habe nichts zu essen.“
Da sagte das Schicksal: „Ich werde dir einen kleinen Sack geben, den trage nach Hause, setze die Frau und die Kinder an den Tisch und sage zu dem Sack: ‚Schaff Speis’ und Trank heran und sechs Musikanten dazu!’ Dann wird dein Tisch voll mit Speisen und Getränken stehen, und die Musikanten werden spielen.“
Da eilte der Arme voller Freude heimwärts. Als er zu Hause angekommen war, setzte er seine Frau und seine Kinder an den Tisch und rief aus: „Säckchen, schaff Speis’ und Trank heran und sechs Musikanten dazu!“
Da kam alles auf den Tisch, die Armen aßen und tranken sich satt, und die Musik spielte dazu.
Dann sagte der Arme zu dem Säckchen: „Laß alles verschwinden!“
Da verschwand alles.
Nach kurzer Zeit wurde dem Armen ein Kind geboren. Er lud die ganze Verwandtschaft zur Taufe ein. Die einen wollten kommen, die anderen nicht. Sie dachten, daß sie zur Taufe Kuchen und Wurst mitbringen müßten, denn sie glaubten ja, daß er arm sei. Der Arme aber sagte zu ihnen: „Ich habe mich angestrengt, es ist zu essen und zu trinken da, kommt nur zu mir!“
Da fand sich die ganze Verwandtschaft bei ihm ein. Sie traten in die Hütte und sahen weder Gekochtes noch Gebratenes. Es war eben wie bei armen Leuten. Der arme Mann sah, daß sich die ganze Verwandtschaft schon gar nicht mehr freu-te, gekommen zu sein.
Er führte die Gäste an einen Tisch, aber der reichte nicht aus. Da stellte er noch einen zweiten Tisch auf und führte die übrigen heran. Dann rief er die Nachbarn, um sie an den dritten Tisch zu setzen. Die armen Nachbarn kamen, die reichen aber nicht. Da ging der Arme zu dem Reichen, dem das Schicksal geholfen hatte. Er bat auch ihn, zur Taufe zu kommen. „Komm!“ sagte er zu ihm.
Aber die Frau des Reichen flüsterte dem Reichen ins Ohr: „Du Dummer, warum gehst du hin? Er will doch nur, daß du ihm ein Stück Brot bringst.“
Das hörte der Arme, und er sagte: „Ich habe genug zu essen und zu trinken.“
Da ging der Reiche zu dem Armen.
Nachdem sich alle an die drei Tische gesetzt hatten, nahm der Arme den Sack vom Haken und sagte: „Schaff Speis’ und Trank heran und sechs Musikanten dazu!“
Sofort standen drei volle Tische da. Da gab es alles, was man nur wollte: Wein, Bier, Honig und Schnaps.
Sie aßen sich satt und tranken sich voll, und die Taufe ging zu Ende. Die Gäste erhoben sich vom Tisch, da nahm der Arme den Sack in die Hand und rief: „Laß Speisen und Getränke verschwinden!“
Da verschwand alles.
Der Reiche, dem das Schicksal geholfen hatte, dachte so bei sich: Der Sack wäre mein Glück! Und er sagte zu dem Armen: „Verkaufe mir den Sack! Ich gebe dir dafür tausend Rubel in Gold.“
Der Arme verkaufte ihm den Sack. Er nahm die tausend Rubel in Gold.
Dann begann er wie ein Fürst zu leben. Er verbrauchte die tausend Rubel in einem Jahr und wurde wieder ein armer Mann. Da dachte er bei sich: Ich werde wieder zu meinem Schicksal ge-hen!
Er ging zu dem Schicksal und weckte es wieder. Da fragte ihn das Schicksal: „Was willst du denn? Ich habe dir doch das Glück gegeben!“
Da antwortete der Arme: „Man hat mich betrogen und mir für viel Geld diesen Sack abgekauft. Jetzt habe ich nichts mehr zu essen.“
Da sagte das Schicksal: „Ich werde dir einen anderen Sack geben.“
Es gab ihm einen anderen Sack.
Der Arme ging nach Hause und freute sich darüber, daß er den Sack bekommen hatte.
Er setzte seine Frau in der Hütte an den Tisch und sagte zu dem Sack: „Schaff Speis’ und Trank heran und sechs Musikanten dazu!“
Da kamen an Stelle der Musikanten sechs Mohren mit Peitschen heraus und gerbten ihm und seiner Frau das Fell. Sie schlugen sie und schrien dazu: „Wir schlagen dich, weil du dein Glück verkauft hast!“
Sie schlugen so lange, bis er sich besann und sagte: „Mein liebes Schicksal, schicke diese Moh-ren weg!“
Da verschwanden die Mohren, und der Arme blieb zurück. Er war todunglücklich, weil er das Glück nicht hatte hüten können. Er hätte nur vernünftig zu sein brauchen. Es kommt manchmal vor, daß Dummköpfe Glück haben, aber nicht für lange.

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