Brüderchen Pilz und Schwesterchen Beeren

In uralten Zeiten stand vor einem Eichenwald eine kleine Hütte, und darin wohnte der Waldhüter mit seiner Frau. Sie hatten drei Töchterlein, die gar lieblich anzuse¬hen waren, und ein schwarzäugiges Bübchen. In der Familie herrschten Liebe und Eintracht. Der Waldhüter war ein frohmütiger Mann, und seine Frau blühte inmitten ihrer Kinder wie eine Blume.
Im Wald klettert das Unglück nicht auf die Bäume, sondern es schleicht auf allen Pfaden an die Menschen heran. Es mied auch die Hütte nicht: den Förster befiel eine schwere Krankheit. Vor der Hütte stand der Gevatter Tod und lauerte, und gegen ihn ist noch kein Kraut gewachsen. Der Förster rief seine Kinder zu sich und sprach: „Bald wird mich der kühle Rasen bedecken. Lebt wohl. Und merkt euch, daß Eintracht und Gesundheit der größte Reichtum sind. Liebt einander und kränkt euch nie…”
Darauf verschied der arme Mann. Man trug ihn zu Grabe, und zusammen mit ihm auch das ganze Glück der Familie. Die Frau weinte bittere Tränen und fragte sich, was sie jetzt mit ihren kleinen Kindern anfangen solle.
Die Mädchen trösteten sie:
„Grämt Euch nicht, liebe Mutter, irgendwie werden wir’s schon schaffen. Wir werden in den Wald gehen und Beeren und Pilze sammeln.”
Die Tage verstrichen in Trauer und Gram. Die Frau war ganz schwach und elend geworden. Da rief sie ihre Kinder herbei und sprach zu ihnen:
„Wenn ich von euch scheide, dann geht nicht weit in den Wald hinein, denn dort wohnt eine böse Hexe, die so gefährlich ist wie eine Schlange. Sie fängt sich kleine Mädchen und macht sie zu Sklavinnen.”
„Gut, Mutter, wir werden nicht in den Wald gehen…”
Alsbald starb auch die Frau des Waldhüters. Die Waisenkinder klagten lange um ihre Mutter. Hernach machte sich der Junge einen Bogen, ging auf Jagd und sammelte Pilze, während die Mädchen Beeren nach Hause brachten. Und so nannten die Leute sie auch Schwesterchen
Beeren und Brüderchen Pilz.
Die Lenze vergingen, und die Winter strichen dahin.
Die Kinder waren schon groß geworden. Die Schwesterchen Beeren waren so hübsch, wie sie kein Dichter besingen und kein Maler malen könnte. Und das Brüderchen Pilz war zu solch einem prächtigen Jüngling herangewachsen, daß die Vöglein begeistert zwitscherten, wenn er durch den Wald ging.
Die böse Hexe hatte von den Schwesterchen Beeren Tag und Nacht kein Auge gelassen. Sie zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie sie in die Falle locken könnte. Doch Großvater Waldrauschen mochte die Mädchen sehr, und er warnte sie:
„Geht nicht ins dunkle Dickicht. Denkt stets daran, was euch die Mutter vor ihrem Tode gesagt hat!”
Und sie gingen nie weit hinaus. Nun ergab es sich, daß es am Rande des Waldes keine Beeren mehr gab. Schon wollten die Mädchen nach Hause gehen. Doch die böse Hexe war schlau: sie hatte lauter rote Beeren hingezaubert. Die Schwesterchen waren so froh, daß sogar ihre Wangen erröteten. Sie pflückten die Beeren und sprachen vor sich hin:
„Brüderchen Pilz wird sich freuen!”
„Einige Körbchen voll wird man uns wohl abkaufen. Dann können wir uns weiße Kopftücher kaufen!”
Und sie merkten gar nicht, daß sie immer tiefer in den Wald gerieten.
Großvater Waldrauschen warnte die Schwesterchen: „Kehrt um, liebe Mädchen, denn hier lauern gar schreckliche Gefahren auf euch.”
Doch die Mädchen waren so emsig beschäftigt, daß sie die Stimme ihres Beschützers nicht vernahmen.
Plötzlich sprang hinter einem Strauch die Hexe hervor, packte das älteste Schwesterchen und verschwand mit ihm im Dickicht.
„Oh, welch ein Unglück! Wo bist du, unser liebes Schwesterchen?” klagten das mittlere und das jüngste Mädchen.
Doch niemand antwortete ihnen.
Brüderchen Pilz war in der Nähe auf Jagd. Er hörte das Klagen und eilte zu Hilfe. Rief nach seinem Beerenschwesterchen, stolperte über Baumstümpfe und suchte die Hexe. Doch alles war vergeblich. Lediglich eine junge Gemse kam auf die Waldwiese gesprungen, blickte traurig drein und verschwand wieder im Waldesdickicht. Die Schwesterchen Beeren und Brüderchen Pilz brachen in Tränen aus und gingen traurig heim.
Tage und Monate verstrichen, doch das Unglück konnten sie nicht verwinden. Die Mädchen gingen wieder in den Wald Pilze und Beeren sammeln. Die Hexe lauerte auf sie, und ihr wachsames Auge ruhte ununterbrochen auf ihnen. Einmal suchten die Mädchen am Rande des Eichenwaldes Egerlinge, doch sie fanden nichts, weil die Hexe die Pilze mit dichtem Gras bedeckt hatte. Als sie schon umkehren wollten, war plötzlich der Erdboden vor ihnen mit Pilzen übersät.
Großvater Waldrauschen warnte sie:
„Liebe Mädchen, rührt diese Egerlinge nicht an, sie verheißen euch nichts Gutes!”
Doch die Mädchen brachten es nicht fertig, die herrlichen Pilze stehenzulassen. Kaum legten sie einen Pilz in
das Körbchen, da lugten schon zwei neue hervor. Die Schwesterchen Beeren hatten gar nicht gemerkt, daß sie
tief in den Wald hineingeraten waren. Die Körbchen waren schon voll, aber sie sammelten immer weiter.
„Wir sammeln viele Pilze, damit wir auch im Winter etwas zu essen haben”, sprach das mittlere Schwesterchen.
„Ach, wäre doch unser ältestes Schwesterchen bei uns, wie hätte es sich gefreut…”
Kaum hatte das jüngste Schwesterchen dies gesprochen, da sprang die Hexe aus dem Dickicht hervor, packte das mittlere Schwesterchen und schleppte es ins Gestrüpp.
Aus dem finsteren Wald ertönte es:
„Schwesterchen Beere, Brüderchen Pilz, rettet mich!” Die Jüngste schrie vor Entsetzen so laut auf, daß die
Vöglein verstummten und die Blätter an den Bäumen zu rauschen aufhörten. Brüderchen Pilz, das in der Nähe auf
Jagd war, hörte die Schreie und eilte zu Hilfe. Doch es war schon zu spät: die Hexe war spurlos verschwunden.
Keine Seele war weit und breit zu sehen, nur zwei junge Gemsen traten auf die Waldwiese und blickten Schwesterchen Beere und Brüderchen Pilz traurig an.
Darauf verschwanden sie im Waldesdickicht. Brüderchen und Schwesterchen kehrten todunglücklich heim.
Ein ganzes Jahr verstrich. Einmal ging Brüderchen Pilz tief in den Wald auf Jagd. Die Hexe hatte alle Pfade verzaubert, damit der Junge nicht mehr den rechten Weg fand. Schwesterchen Beere kochte indes das Mittagessen und wartete auf das Brüderchen. Doch es kehrte nicht zurück. Darauf ging das Schwesterchen in den Wald hinaus und rief:
„Brüderchen Pilz, wo bist du?” Ihr antwortete Großvater Waldrauschen: „Dein Brüderchen kommt gleich. Geh nur schnell in die Hütte zurück, denn die Hexe lauert schon auf dich.”
Aber die jüngste Schwester hörte nicht auf Großvater Waldrauschen und rief weiter nach ihrem Bruder. Plötzlich sprang die Hexe hinter dem Buschwerk hervor, ergriff sie und schleppte sie in das finstere Dickicht fort. Das Mädchen weinte und rief:
„Brüderchen Pilz, rette mich vor der Hexe…” Das Brüderchen hörte ihr Weinen und kam herbeigelaufen, doch es war schon zu spät. Die Hexe war wie im Erdboden versunken.
Der Junge stand fassungslos da. Er rief nach seinem Schwesterchen, doch niemand antwortete. Über die Waldwiese liefen lediglich drei junge Gemsen und blickten ihn so traurig an, daß sich ihm das Herz in der Brust umdrehte.
Brüderchen Pilz kehrte in die leere Hütte zurück. Lange klagte er um seine Schwesterchen, hernach ging er in den Wald hinaus, um sie zu suchen.
Großvater Waldrauschen beugte sich tief zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:
„Geh nicht hin, sonst ist es um dich geschehen. Ich habe auch die Schwesterchen Beeren gewarnt, doch sie haben meinen Rat nicht befolgt…”
„Gern hätte ich dir gehorcht, Großvater, aber mein Herz will nicht gehorchen. Ich muß hin!”
Großvater Waldrauschen schwieg eine Weile und sprach:
„Weil du deine Schwesterchen Beeren so lieb hast, will ich dir helfen. Hör zu, was ich sage. Lauf bis zur Wegegabelung, dringe in das dunkelste Dickicht ein und schlage dich den ganzen Tag durch das Gestrüpp hindurch. Bald wirst du eine kleine Hütte sehen, die auf einem breiten Eichbaumstumpf steht. Dort wohnt eine steinalte Frau. Das ist meine Schwester Schlummerschlafein. Sie wird dir Essen, Trank und ein Nachtlager geben. Doch du darfst weder essen noch trinken noch schlafen, weil du dich sonst an nichts mehr erinnern kannst und für immer zu ihrem Sohn wirst. Weiter wirst du selbst wissen, was du zu tun hast…”
Brüderchen Filz dankte für den guten Rat und machte sich auf den Weg.
Den ganzen Tag kämpfte er sich durch dichtes Gestrüpp hindurch, und am Abend stand er auch wirklich vor der Hütte.
„Ist jemand da? Laßt mich übernachten!”
Aus der Hütte trat Frau Schlummerschlafein. Der Junge verbeugte sich höflich vor der alten Frau, und sie erwiderte seinen Gruß.
Brüderchen Pilz ging in die Hütte, setzte sich auf die Bank und ruhte sich aus.
Frau Schlummerschlafein bereitete indes das Abendbrot zu:
„Komm, Junge, setz dich an den Tisch.”
„Vielen Dank, liebe Großmutter, ich bin nicht hungrig”, entgegnete er, obwohl ihm das Wasser im Munde zusammenlief.
Frau Schlummerschlafein machte ihm das Bett:
„Komm, Junge, leg dich hin und ruh dich aus.”
„Vielen Dank, Großmutter, ich bleibe lieber sitzen,
weil ich noch nicht müde bin”, erwiderte er, doch ihm war, als hätte ihm jemand Sand in die Augen gestreut.
Frau Schlummerschlafein überredete ihn mit den süßesten Worten, es war, als ob sie auf der Zimbel spielte,
doch er saß und schwieg. Daraufhin sprach die alte Frau:
„Du bist ein guter Junge, und deinen Schwesterchen Beeren bist du ein treuer Bruder. Ich will dir sagen, wo du
sie finden kannst. Zur bösen Hexe ist es weit, du mußt drei Tage und drei Nächte lang bis zum Sonnenuntergang gehen. Trete nicht in ihre Hütte, sondern versteck dich im Gesträuch vor dem Fenster. Nach dem Mittagessen wird
die Hexe die Käfige öffnen, in denen sie die Gemsen hält.
Wisse, daß die drei jungen Gemsen, die aus dem Käfig herauskommen, deine Schwestern sind. Sobald sie auf der
Wiese stehen und sich die Hexe zur Hütte umdreht, mußt du mit Pfeilen auf die Gemsen schießen. Triffst du sie, so
werden sich die Gemsen wieder in Mädchen verwandeln.
Nehmt euch dann flugs bei der Hand und lauft fort. Ich will dir ein Bündel Dörrpilze mitgeben, das wird dir helfen. Wenn du Hunger bekommst, dann iß einen Pilz auf, und du wirst den ganzen Tag über satt sein. Nimm auch
diese Nadel, dieses Knäuel und diese kleine Flasche mit.
Das alles wird dir sehr zustatten kommen.”
Brüderchen Pilz bedankte sich und zog los gen Westen.
Er war sehr lange unterwegs. Endlich fand er die Hexenhütte. Er versteckte sich hinter einem Busch und schaute durch das Fenster. Die Hexe kochte das Mittagessen. Aus der Hütte drang ein herrlicher Geruch, und dem Jungen fiel es schwer, nicht hinzulaufen und um Essen und Trank zu bitten. Da entsann er sich der Dörrpilze, aß einen auf, und ihm war, als hätte er Honig gegessen.
Nach dem Mittagessen kam die Hexe auf den Hof hinaus und öffnete die Käfige. Aus einem Käfig traten zwei Gemsen hervor, aus dem zweiten vier, und aus dem dritten nur eine. Die Gemsen liefen in den Wald. Der Junge wartete ungeduldig. Die böse Hexe öffnete noch einen Käfig, und daraus traten drei Gemsen. Sie liefen nicht in den Wald, sondern blieben auf der Wiese stehen und blickten traurig in die Richtung, wo Brüderchen Pilz stand.
Als die Hexe die Schüsseln spülen ging, spannte Brüderchen Pilz den Bogen, zielte und schoß einen Pfeil auf
die Gemse ab, die am nächsten stand. Jene machte einen Sprung und verwandelte sich wieder in das älteste Schwesterchen Beere. Der Junge zielte abermals und traf mit dem Pfeil die zweite Gemse. Jene fiel auf die Vorderläufe
und verwandelte sich in das mittlere Schwesterchen. Und schließlich flog der dritte Pfeil. Die letzte Gemse neigte
den Kopf und wurde zum jüngsten Schwesterchen.
Brüderchen Pilz lief auf die Mädchen zu, die so schön waren wie die Sonne, und ergötzte sich an ihrem Anblick.
Doch da beugte sich Großvater Wraldrauschen zu ihnen herab und flüsterte:
„Ihr müßt fliehen… geschwind…”
Brüderchen Pilz und die Schwesterchen Beeren nahmen sich bei den Händen und liefen so schnell sie nur
konnten in den Wald.
Die böse Hexe hatte derweil die Schüsseln gespült und war wieder auf den Hof gegangen. Sie zählte die Gemsen
und erbebte vor Zorn: drei Gemsen fehlten! Sofort stellte sie ihnen nach. Sie lief, daß der Erdboden unter ihren Füßen dröhnte. Die Flüchtlinge hörten ihre Schritte nahen und erschraken so gewaltig, daß sie wie erstarrt stehenblieben. Großvater Waldrauschen flüsterte dem Jungen zu:
„Wirf die Nadel auf den Boden!”
Brüderchen Pilz warf die Nadel hin, und gleich darauf wuchs hinter ihnen ein Wald empor, der so dicht war,
daß niemand hindurchkam. Aber die böse Hexe hatte drei Beile mitgenommen, eins von Holz, eins von Glas und eins
von Eisen. Sie holte das Holzbeil hervor und schlug damit auf die Stämme, doch das Beil ging entzwei. Da nahm sie
das gläserne Beil und schlug mit solcher Wucht, daß es in lauter Splitter zersprang. Nun fing sie an, mit dem eisernen Beil die Bäume zu fällen. Als eine Schneise fertig war, hatten die Flüchtlinge schon einen großen Vorsprung gewonnen. Mit heraushängender Zunge flog die Hexe wie ein Sturmwind hinter ihnen her.
„Ihr entkommt mir nicht!” krächzte sie. Beinahe hätte sie die Flüchtlinge eingeholt. Doch da sprach Großvater Waldrauschen:
„Junge, laß jetzt das Knäuel fallen!”
Das Brüderchen tat, wie ihm geheißen, und sofort ragte hinter ihnen ein riesiger Berg bis zum Himmel empor.
Aber die böse Hexe hatte drei Spaten bei sich: einen hölzernen, einen gläsernen und einen eisernen. Mit dem
hölzernen begann sie so wild zu graben, daß er zerbrach.
Da nahm sie den gläsernen und schaufelte damit so lange, bis sie auf einen harten Stein stieß und der Spaten in lauter Glassplitter zerbrach. Dann holte sie den eisernen Spaten hervor und grub sich einen Tunnel durch den Berg.
„Ihr er twischt mir nicht”, krächzte sie erneut und flog so schnell wie der Sturmwind.
Die Schwesterchen Beeren waren so müde geworden, daß sie nicht mehr laufen konnten. Die böse Hexe war schon ganz nahe, jeden Augenblick konnte sie über sie herfallen. Da flüsterte Großvater Waldrauschen wieder: „Laß das Fläschchen fallen, Junge!” Brüderchen Pilz ließ das Fläschchen fallen. Daraus floß so viel Wasser, daß im Nu ein ganzer See entstanden war. Die böse Hexe fing an, das Wasser auszutrinken. Das ging sehr schnell, doch da war sie so dick geworden, wie ein Faß, kippte um, fiel in den Sumpf und platzte.
Die Schwesterchen Beeren und das Brüderchen Pilz erreichten wohlbehalten ihr Haus und lebten noch lange in Eintracht und Frieden. Doch da ist das Märchen auch schon zu Ende.

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